Release Tipp: Kreuz und Quer – eine Sammelausgabe Juli 2026: Die Favoriten
Musik von u.a. Ava Rabiat, Kassel Jaeger, Tomat, Akusmi, Miko, Tokoro Wohnen, Tokyo Bedroom Orchestra, J.Wlsn & Liam Keenan, Benjamin Fulwood.
Aus der großen Anzahl an Neuveröffentlichungen habe ich hier meine Auswahl zusammengefasst. Die ersten beiden Ava Rabiat und Kassel Jaeger hätten eine eigenen Tipp verdient … Was mir gar nicht gefallen hat, ist schon raus! Weitere Angaben wird es nicht geben. Kurz gesagt: Es geht einfach um die Musik. Wer mehr hören möchte, besucht die Bandcamp-Seite. Dort sind in der Regel alle wichtigen Informationen zu finden. Kommentare und Anmerkungen sind erwünscht. Macht das Beste daraus, es gibt immer etwas zu entdecken …
Ava Rabiat nutzt Polnisch als emotionalen Bezugsraum und vermischt es mit Englisch, Codesprache und Fachterminologie. Diese sprachliche Hybridität wird zum Ausdruck einer fragmentierten Identität. „Szał Wirtualnych Ciał“ ist weder eine technologische Utopie noch eine Dystopie der Digitalisierung, sondern kartografiert einen Zustand zwischen Analogem und Digitalem, zwischen organischer Präsenz und virtueller Projektion.
„Sub Re“ bezieht sich auch auf ein Kapitel aus Victor Hugos „Die Arbeiter des Meeres“, eine Schlüsselstelle, in der sich die Hauptfigur angesichts einer kolossalen Aufgabe allein mitten auf dem Meer wiederfindet – unter einem gigantischen Schiffswrack, das in den Klauen eines abgelegenen Riffs festsitzt, umgeben von Wasser, Strömungen und Winden, allein, um sich dem Unmöglichen zu stellen. Denn tatsächlich ist es unter der Oberfläche, wo Handlungen entstehen, Entscheidungen getroffen werden und die Intuition uns leitet.
„Reverie Reverse“ erweist sich als Umkehrung und Abschluss des Entstehungsprozesses von „Afasi“, dem letzten Album: nicht als dessen Negation, sondern als dessen Neuausrichtung durch eine phasenbasierte Rückkehr. Wenn „Afasi“ die fortschreitende Fragmentierung kommunikativer, mnemonischer und zeitlicher Kohärenz unter den Bedingungen informativer Entropie beschreibt, dann fungiert „Reverie Reverse“ als Gegenbewegung innerhalb desselben Systems.
Terra Incognita“ ist somit eine einzigartige Gelegenheit, sich darin zu verlieren und unsere geistige Klarheit wiederzufinden, den Anschluss an die Außenwelt zu verlieren oder gar ganz von der Landkarte zu verschwinden. „Dieses Album ist ein Reisetagebuch aus einem unerforschten Land: das Erleben von etwas noch nie Dagewesenem und die damit verbundene Aufregung.“
Der Albumtitel „Petals and Marbles“ bezieht sich auf die kleinen Geschenke, die mir meine Tochter früher immer gemacht hat, als sie noch klein war. Jeder, der Zeit mit kleinen Kindern verbracht hat, wird das verstehen: Sie machen uns jeden Tag ganz beiläufig kleine Geschenke. Sie sind wirklich subtil, sanft und bescheiden – wie Kleinigkeiten, die die Schönheit und die Liebe eingefangen haben, die in der Welt überfließen. Mir fehlen die Worte, um vollständig zu erklären, was sich während dieser Auszeit im Stillen in mir entwickelt hat, aber ich glaube an die Kreativität, die ständig in mir zirkuliert. Ich schätze dieses Werk sehr, weil es mich daran erinnert. Mein tiefster Dank gilt Lawrence English dafür, dass er meine Musik wieder aufgenommen hat.
„Unüberwindbare Momente, die in der Gegenwart nachklingen“, sagt Beth Robertson mit sanfter Stimme, die sich über ein Gewirr aus Obertönen, Knarren und Klopfen erhebt. „Sie existieren direkt nach uns, aber vor ihr. Alles bleibt zurück.“ Es ist unvermeidlich, dass ein Album, das von gigantischen Müllbergen inspiriert ist, reich an den Überresten der Vergangenheit ist, doch es ist beeindruckend zu hören, wie diese Stimmungen vor zukunftsorientierter Vorfreude knistern.
Bei Tokyo Bedroom Orchestra öffnet sich dieses Bewusstsein in einen persönlicheren Raum, in dem Textur und Form mehr Freiheit genießen. Hier entsteht ein Gefühl der Vertrautheit, das mit der emotionalen Sprache von KITCHEN. LABEL, geprägt von Künstlern wie haruka nakamura und ASPIDISTRAFLY, in Resonanz steht und dennoch unverkennbar sein eigenes ist.
Mit „Tsuioku“ bietet das Tokyo Bedroom Orchestra einen Raum zum Verweilen statt zum Auflösen, in dem Erinnerungen weniger abgerufen als vielmehr im Vorbeigehen gefühlt werden.
Die Musik repräsentiert Teile der Landschaft in West-Sydney und weiter westlich in der Region New South Wales in Australien, wo wir beide zu unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen sind. Diese Orte sind weitläufige Ebenen, schroffe Berge und manchmal einfach nur sanfte Vorstadtlandschaften. Die Musik ist eine Art Partitur für diese ineinandergreifenden Orte, eine Möglichkeit für uns, diese gemeinsamen Landschaften jenseits der Zeit zu entschlüsseln. Man könnte fast sagen, es ist eine Musik des Ortes, jenseits der Zeit.
Seit fast einem Jahrzehnt lebe ich in Tokio, einer Stadt, die so gewaltig ist, dass sie unsere gewohnten Vorstellungen von Erzählungen ins Wanken bringt. Wir neigen dazu, das Leben anhand von Anfängen, Höhepunkten und Schlussfolgerungen zu verstehen. Wir erwarten, dass Ankünfte von Bedeutung sind und Abschiede besonders gewürdigt werden. Tokio widersetzt sich oft dieser Grammatik. Hier ist Bewegung allgegenwärtig, Dichte ist der Normalzustand, und menschliche Präsenz erscheint weniger als individuelle Geschichte denn als Fluss.