A Closer Listen Musiktipp: Justina Repečkaitės – Tapestries / miclithuania
Von Gianmarco Del Re. „Tapestries“ vereint Werke, die über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt entstanden sind, wirkt dabei jedoch keineswegs wie eine Retrospektive. Von den ersten Takten von „Chartres“ bis zum abschließenden „La muë“ zeigt das Album eine unverkennbare sprachliche Kohärenz, auch wenn jede Komposition ihren eigenen Charakter bewahrt.
Vom architektonisch anmutenden „Chartres“ bis zum kehligen „Incantare“, vom halluzinatorischen „Datura“ bis zum metamorphen „La muë“ entfaltet sich Justina Repečkaitės Musik geduldig und fordert den Zuhörer auf, sich auf die kleinsten Veränderungen in Resonanz und Klangfarbe zu konzentrieren.
Die Bandbreite der Bezüge macht diese Reise zu einem äußerst lohnenden Erlebnis. Mittelalterliche Glasmalereien, Manuskripte, Vogelgesang, Heilzauber, giftige Pflanzen und medizinische Abhandlungen des 18. Jahrhunderts werden zu Ausgangspunkten für die Musik. Keiner dieser Bezüge wird als Programmmusik oder Illustration behandelt. Stattdessen übersetzt Repečkaitė sie in musikalische Strukturen, die sich nach ihrer eigenen inneren Logik entwickeln.
Das Eröffnungsstück „Chartres“ verdeutlicht diesen Ansatz sofort. Streicher tauchen aus der Stille mit einer kalten, fast eisigen Klangfülle auf und schaffen einen akustischen Raum, der sich schrittweise ausdehnt. Während des gesamten Albums verhält sich das Ensemble oft eher wie ein einziger Resonanzkörper als wie eine Ansammlung einzelner Instrumente. Stimmen, Streicher, Bläser und Elektronik verschmelzen, lösen sich auf und tauchen wieder auf und erzeugen so eine bemerkenswert fließende Klangwelt.
Eines der eindrucksvollsten Werke des Albums ist „Sturnus vulgaris cohibitus“. Inspiriert von der Stille während des Pandemie-Lockdowns nahm Repečkaitė Star-Rufe auf und spielt sie über winzige, im Klavier versteckte Lautsprecher ab. Die Elektronik wird untrennbar mit dem Instrument selbst verbunden und erweckt den Eindruck, als sei der Vogel im Resonanzkörper des Klaviers gefangen. Während sich die Tastenlage allmählich über den gesamten Tonumfang ausdehnt, bleibt der Vogelgesang von jedem Hammerschlag abhängig, wodurch aus einer einfachen kompositorischen Idee eine Reflexion über Gefangenschaft und den Wunsch nach Befreiung wird.
Beim Hören von „Tapestries“ wird einem allmählich bewusst, dass Repečkaitė nicht daran interessiert ist, Bilder in Musik zu übersetzen. Ihr geht es darum, Denksysteme zu übersetzen. Architektur wird zur Form, Vogelgesang zur Resonanz, botanisches Wissen zur Geste und die sich wandelnde menschliche Stimme zu einer sich entwickelnden Klanglandschaft.
© A Closer Listen, Texte: Gianmarco Del Re, 20.8.2026