Studio Elektronische Musik: Historische Studios [02]: „Warschau“
Angesichts der Restriktionen des soviet-ästhetischen Dogmas darf die Gründung eines Experimentalstudios für elektronische Musik am Polnischen Rundfunk 1957 als Sensation gelten.
Mit Björn Gottstein
Im ersten Jahrzehnt beherrschten ideologisch unverfänglichere Produktionen für Film und Bühne das Repertoire des Warschauer Studios. Aber bereits Ende der Sechzigerjahre gewann die elektronische Musik Polens zusehend an Profil; die Arbeiten von Eugeniusz Rudnik, Wlodzmierz Kotonski oder Boguslav Schaeffer fanden internationale Anerkennung.
Von der Ausstrahlung des Studios zeugt nicht zuletzt die illustre Liste westlicher Komponisten, die in Warschau produzierten. Dazu gehört neben Pionieren des elektronischen Zeitalters wie Lejaren Hiller und Herbert Brün auch der norwegische Komponist Arne Nordheim.
Für den Transfer künstlerischer Visionen ist der eiserne Vorhang gewiss durchlässiger gewesen, als für den wirtschaftlichen und politischen Austausch.
Schon 1959 konnte Franco Evangelisti in der künstlerischen Enklave Warschau sein kurzes Tonbandstück Campi integrati realisieren.
In den Siebzigerjahren folgten Herbert Brün und Lejaren Hiller, um Erfahrung mit der osteuropäischen Produktionsästhetik zu sammeln und Warschau im Gegenzug mit einem Hauch von Darmstadt und Chicago zu versehen.
© WDR 3, Studio Elektronische Musik, 16.3.2019
Playlist:
| Komponist | Titel |
|---|---|
| Eugeniusz Rudnik | Mobile (1972) für Tonband |
| Wlodzmierz Kotonski | Antiphonae (1989) für Tonband |
| Krzysztof Penderecki | Scyzoryk (1961) Filmmusik für Tonband |
| Arne Nordheim | Warszawa (1970) für Tonband |
| Boguslav Schaeffer | Assemblage II (1966) für Tonband |
| Herbert Brün | A piece of prose (1972) für Tonband |
| Franco Evangelisti | Campi integrati (1959) für Tonband |
| Lejaren Hiller | A Portfolio (1974) für Tonband |