Best-of 2024: Radiohoerer
Alle Jahre wieder, Weihnachten, Jahreswechsel und die Best of Listen. Die Einladungen zu den Listen sind raus. Ich bin gespannt. Lucky war, wiedermal, der erste und er hat auch das Cover für 2024 erstellt. Herzlichen dank dafür.
In den E-Mails zu den Best-of-Listen wird immer wieder über die Sinnhaftigkeit diskutiert. Haben diese Listen überhaupt noch einen Sinn?
Mir geht es ja nicht um das Jahr als solches, sondern um das, was man in diesem Jahr gehört hat, neu oder alt. Eine Tatsache, die für mich auch nicht ganz unwichtig ist. Die Zahl der Neuveröffentlichungen wird von Jahr zu Jahr größer, dazu kommen die Wiederveröffentlichungen und auch da steigt die Zahl von Jahr zu Jahr. Kurz: Es wird unüberschaubar. Eine gewisse Machtlosigkeit und Überforderung macht sich breit.
Richard Allen von A Closer Listen hat das in einem extra Beitrag schön zusammengefasst:
Vor dreizehn Jahren haben wir unsere Website mit folgender Frage eingeführt: Wenn Musik aufgenommen wird und niemand zuhört, macht sie dann noch einen Sinn? Nur wenige Worte schienen jemals so vorausschauend zu sein. Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist die weltweite Musikproduktion explodiert, wie hier und anderswo aufgezeichnet wurde. Selbst im Bereich der Instrumentalmusik wäre kein Mensch in der Lage, die gesamte veröffentlichte Musik zu hören, selbst wenn er nie schlafen würde. Zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir über hundert Instrumentalalben ausfindig gemacht, die am selben Tag veröffentlicht wurden – und das sind nur die, von denen wir wussten! Die Kunst des Kuratierens hat an Bedeutung gewonnen, da die Zahl der Rezensionsseiten gesunken ist.
Mit Irene Schweizer ist in diesem Jahr eine große Pianistin, Improvisator:in und Frauenrechtlerin von uns gegangen. Wir können uns ihre Kämpfe, die sie geführt hat, nicht vorstellen. Als Frauenrechtlerin, als Lesbe, als Gründerin von Intakt Records und dem dazugehörigen Jazzfestival Taktlos. Sie muss eine unglaubliche Kraft gehabt haben.
Für mich sind ihre Duo-Konzerte mit Schlagzeugern, wie Louis Moholo, Andrew Cyrille, Pierre Favre, Günter Sommer das absolute Highlight, und da sind auch die Aufnahmen auf Intakt eine absolute Empfehlung! Herausragend ist auch: „The Storming of the Winter Palace“.
Seit ungefähr 40 Jahren begleitet mich die Musik von Ryuichi Sakamoto, seine Musik ist irgendwie immer da und je nach meiner Gemütslage, ändern sich nur die Titel. Ich kann das nicht erklären.
Dieses Jahr nun erschien der Film, den sein Sohn Neo Sora gedreht hat. Sein letztes Konzert, wenn man so will. Ein unglaublicher Kraftakt, im Wissen um den baldigen Tod, hat er sich nochmal an den Flügel gesetzt und seine Lieblinge spielen. Ein berührender wie bewegender Film.
Ein anderer großer, verstorbener Saxophonist lässt uns immer wieder aufhorchen. Es ist Peter Brötzmann, dessen Duo mit Paal Nilssen-Love (Chicken Shit Bingo + Butterfly Mushroom) in diesem Jahr erstmals erschienen ist und einfach nur unglaublich gut und intensiv ist. Und durch die Reaktivierung von FMP können wir jetzt auch wieder alte Brötzmann-Stücke hören, wie z.B. „Alarm“ mit der Peter Brötzmann Group und Musikern wie u.a. Hannes Bauer, Toshinori Kondo, Louis Moholo und Harry Miller. Großer Free Jazz!
Wie jedes Jahr verbeuge ich mich vor Satoko Fujii, die zusammen mit ihrem Mann Natsuki Tamura „Aloft“ veröffentlicht hat. Es ist irgendwie ein besonderes Album, das aus der Fülle ihrer jährlichen Veröffentlichungen heraussticht. Sehr lyrisch im Ausdruck, fast ein intimes Zwiegespräch.
Sie ist es, die mich mit ihrer Musik durch das Jahr begleitet und ich warte darauf, dass diese großartige Pianistin auch bei einem der großen Festivals in Deutschland spielt. Es wäre mehr als an der Zeit.
Sylvie Courvoisier ist mir mit ihrem Soloalbum auf einem Flügel ebenso in Erinnerung geblieben wie Kris Davis mit ihrem aktuellen Trioalbum. Ihr Trio hat einen Gruppensound erreicht, der seinesgleichen sucht. Von feinnervig bis explosiv ist das Hören ihrer Veröffentlichung immer wieder ein Vergnügen.
Was die Frauen hier bieten, ist zeitgenössischer Jazz auf höchstem Niveau.
Und dann das: Kein Album habe ich dieses Jahr so oft gehört wie dieses: Brigade Futur 3 – Ein bisschen Zeit haben wir ja noch / WhyPlayJazz.
Mit Texten, die mehr als nur zum Nachdenken anregen und dazu noch sehr witzig sind. Musiziert von einer ausgelassenen Band, die vor Spielfreude nur so strotzt!
Aufmerksame Leser meines Blogs werden wissen, dass ich mich schon sehr lange, für die neue Musik und andere Grenzbereiche interessiere, etwas jenseits aller Barrieren hat für mich schon immer eine besondere Anziehungskraft. Und ich hoffe, dass ich davon etwas weitergeben kann.
Da wäre ein Überflieger. Marius Neset & Leif Ove Andsnes spielen ein Album mit Musik ein, von dem sie nicht sagen können was es ist. Jazz? Klassik? Egal.
Ein Saxofonspieler und ein klassischer Pianist treffen aufeinander und es kommt einfach nur „Musik“ heraus. Einfach, organisch und überragend schön. Für mich zählt ihre Musik zu den wichtigsten des Jahres.
Ebenso wie die Klaviermusik von Arto Koskinen – Fuga Indiana. Sie hat etwas undefinierbares, rätselhaftes, ein indisches Flair und lädt zum mehrmaligen Hören ein.
Da wäre Gebhard Ullmann der nicht nur ein begnadeter Saxofonist ist, sondern der auch Musik schreibt, die mit Jazz nichts direkt zu tun hat. Dieses Jahr ist eine Veröffentlichung erschienen „Impromptus und Interationen “ Werke für Solo Klavier.
Hier habe ich ein paar Stimmen über dieses Release, das ich sehr gerne höre, zusammengetragen:
Impromptus und Interationen ist eine sowohl kreativ komponierte als auch gekonnt gespielte Sammlung von Solo-Klavierwerken. Wenn Sie sowohl Überraschungen als auch Variationen in Ihren Werken mit Schwerpunkt Klavier mögen, ist dies ein Muss. Ich werde sicherlich immer wieder darauf zurückkommen. – Roger Batty
Für Ullmann als Komponist ist dieses hier kein Neuland, denn bereits seit Anfang der 90er Jahre soll er damit begonnen haben. Was mir bleibt, ist den englischen Ausdruck zu benutzen, „To whom it may concern“, wer sich also wirklich dafür interessiert, dürfte alles Andere als enttäuscht sein. – Wolfgang Giese
Mit meinem Tipp (Manja Ristić, Joana Guerra & Verónica Cerrotta – Slani pejzaži) für dieses Kassetten-Release habe ich einiges ausgelöst, ungewollt. Und das freut mich wirklich sehr und vielleicht wird ja viel mehr daraus. Einen Beitrag von Jochen Kleinhenz könnt ihr schon lesen.
Marc Masters hat dieses Release auch unter seinen Best-ofs 2024 dabei und folgenden Text dazu geschrieben:
Manja Ristić lebt in Serbien, Joana Guerra in Portugal und Verónica Cerrotta in Brasilien. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr neues Band Slani pejzaži persönlich oder aus der Ferne aufgenommen wurde, und es ist auch nicht klar, welche Instrumente sie verwendet haben. Aber das passt zum Geheimnis der beiden Tracks hier, die sowohl Atmosphären aufbauen als auch wortlose Dialoge schaffen. Töne driften ein und aus, Stimmen tauchen auf und ziehen sich zurück, und taktile Klänge präsentieren sich mit gerade so viel Klarheit, dass man sich vorstellen kann, was ihre Quellen sein könnten. Das beste der beiden Stücke, „O vento retoma o seu lugar inicial“ (Der Wind kehrt an seinen ursprünglichen Ort zurück), macht seinem Namen alle Ehre, denn das Trio kreuzt die Wege der anderen mit so viel Bewegung und Textur, dass man das Gefühl hat, in der Welt zu leben, die sie beschworen haben.
Labels für alles an interessanter Musik:
Auswahl: Empreintes DIGITALes, Room40, col legno, Mamka Records, Klanggalerie…
Aki Takahashi – Piano Space 3
Anna Clementi & Thomas Stern – DOPPELMOPPEL Poems by Kurt Schwitters / Corvo Records
Beñat Achiary, Patrick Charbonnier, Nina Garcia, Thimothée Quost & Lionel Marchetti- DE L’ANGLE MORT (NOIR ROUGE JAUNE) / 2024 ~ musique improvisée
Chico Mello / Helinho Brandão – Chico Mello & Helinho Brandão
Emma Margetson – Contemplations / Empreintes DIGITALes
Ernst Karel-Bhob Rainey – 47 Gates
Luca Perciballi – Sacred Habits / Kohlhaas
Marcus Fjellström – The Last Sunset Of The Year / Miasmah Recordings
Paul Schütze – The Extreme Recordings 1989-1992 / Kontakt Audio
Sarah Jerrom – Magpie / TPRRecords
The Unsuk Chin Edition – Berliner Philharmoniker
Wild Up – Julius Eastman Vol. 4: The Holy Presence
Yarn/Wire – Currents Vol. 9
Zoe Efstathiou – Solo Piano – Edge Of Chaos / iDEAL Recordings
Jazzlabels:
FMP Ist zurück und digitalisiert ihr Archiv und das ist großartig!
Weitere wichtge Jazzlabels sind u.a.:
Clean Feed, Intakt, Discus Music, Pyroclastic Records, Trost Records, Red Hook Records, We Jazz, Otoroku, International Anthem, Sofa Music, Fundacja Słuchaj, Circum-Disc, Thanatosis Produktion, Elemental Music Records
Wadada Leo Smith – Amina Claudine Myers – Central Park’s Mosaics of Reservoir- Lake- Paths and Gardens / Red Hook Records
Ein großartiges Album zweier Jazz-Giganten und ein absolutes Muss.
Das Titelstück geht zu Herzen, es hat soviel Soul, Blues …
Natsuki Tamura and Satoko Fujii – Aloft / Self Release
Ein bewegendes Zwiegespräch. Lyrisch, Intim und doch intensiv, wie es die beiden nur können.
Sylvie Courvoisier – To Be Other-Wise / Intakt
Der Flügel als Klanglabor. Souverän und intensiv.
The Kris Davis Trio – Run the Gauntlet / Pyroclastic Records
Das vielleicht intensivste Klavier Trio im Jazz. Absolut überragend.
Brigade Futur 3 – Ein bisschen Zeit haben wir ja noch / WhyPlayJazz
Starke und witzige Texte, gepaart mit einer tollen Jazzband.
Eine weitere Auswahl alphabetisch geordnet:
Ava Mendoza – The Circular Train / Palilalia
Cornelia Nilsson – Where Do You Go / Stunt Records
Enzo Favata – Os Caminhos de Garibaldi / Caligola Records
Erik Friedlander – Dirty Boxing
Garth Erasmus – Threnody for the KhoiSan / TAl
Horace Tapscott Quintet – The Quintet / MR BONGO
Jessie Kleemann & Søren Gemmer – LONE WOLF RUNNER · Live at The National Gallery
Kaboom Karavan – Fiasko! / Miasmah Recordings
Laura Jurd & Paul Dunmall – Fanfares and Freedom / Discus Music
Mal Waldron & Steve Lacy – The Mighty Warriors Live In Antwerp / Elemental Music Records
Moor Mother – The Great Bailout (Anti Records)
Paal Nilssen-Love & Ken Vandermark – Japan 2019 / PNL Records
Peter Brötzmann & Paal Nilssen-Love – Chicken Shit Bingo + Butterfly Mushroom / Trost Records
Stian Westerhus & Maja S. K. Ratkje – All Losses Are Restored / Crispin Glover Records
Das sind alles nur Anregungen und gelten nur für den Moment. Wer mehr hören will, dem sei mein Bandcamp Account empfohlen und, was ich immer wieder gerne weitergebe: Hört Euch Late Junction auf BBC Radio 3 an oder die Musik Auswahl auf der The Wire Online Seite. Hier werden Türen aufgestossen und Blicke über den Tellerand ermöglicht, wie sie sonst nirgends zu hören sind. In dieser Richtung könnt Ihr alle Musiksendungen im Deutschen Öffentlichen Radio vergessen. Leider. Natürlich gelten auch immer noch meine Release Tipps.