Das besondere Konzert: Aktion – Orchestermusik um 1970 Werke von Christfried Schmidt und Bernd Alois Zimmermann

Gleich zu Beginn „ringen und quälen sich die Klänge, knirschend oder eruptiv aufbrüllend, wie unter Bleigewichten und zäh lastenden Magmamassen erstickt: brutale Ballungen schwarzer Energie, Bilder einer in sich selbst verbissenen und verklammerten, zum Rand der Unerträglichkeit hin potenzierten Verzweiflung. Was so beginnt, ist das fiebrige, freiheitssüchtige und in seiner Gewaltsamkeit jedes konventionelle Maß verlassende Zeit-Nacherleben eines Mittdreißigers im Jahre 1968“ unter den Eindrücken des Mordes an Martin Luther King und der Niederschlagung des Prager Frühlings. Gerald Felber/ FAZ.

Mittlerweile ist es schon zur Tradition geworden, dass die Dresdner Philharmonie Anfang Oktober um den Tag der Deutschen Einheit herum der Musik der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit einen Fokus widmet mit einem besonderen Akzent auf der Musik aus dem Osten des einstmals geteilten Landes. Dabei umkreisen wir in den Veranstaltungen am 2. und 3. Oktober 2021 insbesondere drei Themenfelder: Zum einen widmen wir dem Komponisten Christfried Schmidt einen Schwerpunkt. Der 1932 in Markersdorf in der Oberlausitz geborene Komponist hatte einen überaus steinigen Weg zu gehen. In der DDR gehörte er nie zu den wirklich etablierten Komponisten. Erst in den Jahren ab 1980 wurden seine Werke ab und zu auf den Festivals der zeitgenössischen Musik gespielt und erschien sogar eine LP beim Label NOVA. Unangepasst blieb er auch nach 1989 ein Außenseiter im gewendeten Musikbetrieb. Zwar gab es gelegentlich Aufführungen, aber einer breiteren Öffentlichkeit wurde erst durch die 2019 in Berlin erfolgte Uraufführung der 1974 (!) komponierten Markus-Passion bewusst, Musik welchen Ranges Christfried Schmidt komponiert hat. Vor einigen Jahren hat der Komponist seinen Vorlass der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universotätsbibliothek (SLUB) übergeben, darunter auch die Manuskripte einiger noch unaufgeführter Werke. Zu diesen Kompositionen zählen auch zwei in den 1960er Jahren komponierte Sinfonien. Die zweite Sinfonie – komponiert 1968 in Memoriam Martin Luther King – werden wir mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung zur Uraufführung bringen. (Sie entstand noch vor und unabhängig von der ebenfalls dem amerikanischen Bürgerrechtler gewidmeten Sinfonie von Friedrich Schenker, die in Dresden 1970 ihre skandalumwitterte Uraufführung erlebte.) Chrisfried Schmidts Sinfonie ist vom Geist des Expressionismus geprägte Bekenntnismusik. Darin berührt sie sich mit der fast zeitgleich im Westen Deutschlands entstandenen Ekklesiastischen Aktion „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ von Bernd Alois Zimmermann. Dieses Werk bezieht sich auf Texte aus dem Alten Testament und die Großinquisitor-Episode aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. © Text: Kulturpalast Dresden


Christfried Schmidt
Sinfonie Nr. 2 „In memoriam Martin Luther King“
für Orchester, Bass- und Altsolo (Uraufführung)



Bernd Alois Zimmermann
»Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne«
Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bariton-Solo und Orchester

Jonathan Stockhammer | Dirigent
Antigone Papoulkas | Alt
Robert Koller | Bassbariton
Peter Schweiger | Sprecher
Helmut Vogel | Sprecher
Dresdner Philharmonie

© Deutschlandfunk Kultur, 3.10.2021

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