Das besondere Konzert: Musikfest Berlin 2020 – Highlights
Eine Auswahl von möglichen Highlights, was natürlich reine Geschmackssache ist ;). Werke von George Benjamin, Anton Webern, Alfred Schnittke und Rebecca Saunders.
Das seit Jahrzehnten international bekannte und in Frankfurt beheimatete Ensemble Modern, das sich mit dem Ideal einer basisdemokratischen Zusammenarbeit ohne Leitung vor genau 40 Jahren aus einer Gruppe Studenten der Jungen Deutschen Philharmonie zusammengeschlossen hat, vereint heute 18 Solisten verschiedenster Herkunft und eine Akademie zur Förderung von Nachwuchskünstlerinnen. Zahlreiche Werke aus den Bereichen Musiktheater, Kammermusik, Orchestermusik bis hin zu Tanz- und Videoprojekten haben die Musikerinnen inzwischen vor ein Publikum gebracht und ins Repertoire gespielt. So auch die Werke dieses Konzertabends. Mit ihnen setzten sie sich in unterschiedlichen Kooperationen und Konstellationen immer wieder aufs Neue auseinander. „At First Light“, komponiert von George Benjamin, mit dem das Ensemble auf der Ebene der Komposition, aber auch des Dirigats, bereits eine langjährige fruchtbare Zusammenarbeit verbindet, wurde komponiert, als sich das Ensemble noch auf dem Weg zu internationalem Renommee befand. Inspiriert durch ein spätes Gemälde von William Turner ging es George Benjamin darum, „fest umrissene Objekte – musikalische Phrasen etwa – zu schmelzen“ und in einen Klangfluss mit all seinen Wundern und Tücken zu transformieren.
George Benjamin (*1960)
At First Light für Kammerorchester (1982)
„Der 15. September 1945, Anton Weberns Todestag, sollte ein Trauertag für jeden aufnahmefähigen Musiker sein. Wir haben nicht nur diesen großen Komponisten zu verehren, sondern auch einen wirklichen Helden. Zum völligen Misserfolg in einer tauben Welt der Unwissenheit und Gleichgültigkeit verurteilt, bleibt er unerschütterlich dabei, seine Diamanten zu schleifen, seine blitzenden Diamanten, von deren Minen er eine so vollkommene Kenntnis besaß“, schrieb Igor Strawinsky 1955, als Weberns Werk zum Gründungsklang einer neuen Epoche der Musik werden sollte. 75 Jahre nach Kriegsende und der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager erinnern im Beethoven-Jubiläumsjahr Vladimir Jurowski und das Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin in ihrem ersten Musikfest Berlin-Konzert an diesen bedeutenden Komponisten, der durch einen versehentlichen Schuss während einer amerikanischen Militärrazzia ums Leben kam.
Anton Webern (1883 – 1945)
Variationen für Orchester op. 30 (1940)
„Concerto grosso Nr. 1“ von Alfred Schnittke. Schnittke formuliert mit dieser Komposition für zwei Violinen, einem präparierten Klavier und Streichern 1977 einen polystilistischen Kommentar auf die barocke Idee des intensiven Dialogs zwischen Orchester und Solisten, bei dem er die Grundrahmung des Concerto grosso nutzt, um darin viele weitere Musiken erscheinen zu lassen: sowjetische Schlager, nostalgische, atonale Serenaden, Anklänge an Corelli, ein Tango gespielt auf einem Cembalo, sowie Versatzstücke aus Schnittkes eigenen Filmmusiken. Im Auftakt des Konzertprogramms findet sich ebenfalls der Name Webern, hier mit einer Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs „Fuga“ aus „Das Musikalische Opfer“. Hierin – in der Hinwendung zur Klassik und zu Bach – schlägt das Konzertprogramm eine Brücke von Webern zu Schnittke und bietet eine Auseinandersetzung auf der Folie der Moderne der Wiener Schule bzw. Postmoderne.
Alfred Schnittke (1934 – 1998)
Concerto grosso Nr. 1
für 2 Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Kammerorchester (1977)
Komponist*innen des 20. und 21. Jahrhunderts haben das Schlagzeug nicht nur besonders gründlich, sondern auch besonders radikal befragt. Das betrifft nicht nur die Erweiterung des Instrumentenfundus, sondern auch die Möglichkeiten, die Instrumente auf vielfältigste Weise zum Klingen zu bringen und mit ihnen in einen kreativen Austausch zu treten. Die Schlagzeuger*innen selbst sind an diesem besonderen Stoffwechsel und an der Erfindung von neuen Klängen mehr und mehr beteiligt. Diese Neuerungen gelten in besonderer Weise für die Kompositionen „dust“ und „void“, die Rebecca Saunders für Perkussion geschaffen hat. In langjähriger gemeinsamer Klangforschung mit den beiden Ausnahme-Perkussionisten Christian Dierstein und Dirk Rothbrust hat sie für dieses Instrumentarium ein ganz eigenes Vokabular an Klängen entwickelt – von den bekannten Schlaginstrumenten bis hin zur Erweiterung des Instrumentenapparats durch eine Vielzahl von neuen noch nie gehörten Klangfarben wie zum Beispiel die von wuchtigen Autostoßdämpfern oder singenden Aluminiumstreifen oder Kristallschalen und vieles andere mehr.
Detailliert ist die Anordnung des Instrumentariums von der Komponistin durchdacht. Die Performer spielen nicht einfach nach der Partitur, sondern übersetzen die Angaben in der Partitur in eine Raum-Klang-Choreographie. Durch die Anordnungen der Instrumente und Objekte auf der Bühne entsteht eine musik-dramatische Situation, und das Publikum kann miterleben, wie durch die Bewegung, Kraft und Virtuosität der Schlagzeuger die Klänge aus der Stille heraustreten, Form, Gewicht und Haptik annehmen und sich quasi objekthaft im Raum ausbreiten.
„dust“ und „void“ – beide Werke sind den beiden Schlagzeugern gewidmet – werden in diesem Konzert in einer neuen Version präsentiert.
Rebecca Saunders (*1967)
Void II (2015 – 2020) for percussion duo
New version for two musicians
Uraufführung der neuen Fassung
© SR 2, Mouvement, 5.11.2020