David Grubbs: „Whistle from Above“ oder beim Holzhacken entstanden
Ein Musiktipp von Robert Mießner (TAZ). „Whistle from Above“, das neue Album von David Grubbs, bietet den Sound des anderen Amerikas. Experimente und Klanggedichte treffen auf Postrock.
Kann David Grubbs der Schönheit nicht trauen? Mit einem folkmusikalischen Motiv, einer Pendelmelodie, in die sich eine Abweichung schleicht, eröffnet der US-Multiinstrumentalist sein neues Soloalbum „Whistle from Above“. Im Koffer hat er elektrische Gitarre, Piano, Lap Steel und Elektronik. Das Titelstück entwickelt partielle Unruhe, hinzu kommt ein rauer, elegischer Streicherton. Die zehnsaitige Fiddle, ein Instrument der irischen und norwegischen Folklore, spielt Cleek Schrey. Der Erforscher traditioneller wie experimenteller Musik ist einer von fünf Gästen bei Grubbs.
Als Egotrip sollte man sich „Whistle from Above“ nicht vorstellen, obwohl das Album in ländlicher Abgeschiedenheit beim Holzhacken entstanden ist. Der gemächliche Wintertraum, mit dem das Video zum zweiten Stück „The Snake on Its Tail“ beginnt, lässt kaum vermuten, dass David Grubbs ursprünglich von Punk und Hardcore kommt. Aber bald stehen in der weißen Ebene nicht mehr nur kahle Bäume, Scheunen und Kirchen, sondern rauchen Industrieschlote und blinken rote Rücklichter im Schneetreiben. Die Unruhe in der Musik ist nicht mehr latent, sondern mit Feedback und dem agilen Schlagzeugspiel von Andrea Belfi präsent.
© TAZ, Kultur, Musik, 16.4.2025