Nachhören

„Der Verleger“ Hörspiel in 2 Teilen von Nanni Balestrini

Am 14. März 1972 wurde unter einem Hochspannungsmast an der Peripherie der lombardischen Metropole Mailand die Leiche des Mailänder Verlegers Giangiacomo Feltrinelli entdeckt. Ganz Italien hielt inne.

Denn die Feltrinellis waren so etwas wie die Buddenbrooks von Mailand. Giacomo Feltrinelli, der Gründer dieser Dynastie von Händlern und Bankiers, galt bei seinem Tod im Jahre 1913 als reichster Mann Mailands. Die eilig abgeschlossene gerichtliche Untersuchung kam zu dem Schluss, Feltrinelli sei, bei dem Versuch, den Mast zu sprengen, ums Leben gekommen. Gerüchte, dass er sein Leben nicht etwa durch einen selbstverursachten Unfall verloren habe, sondern vielmehr Opfer eines Mordanschlags geworden sei, gab es sofort − sie wollen bis heute nicht verstummen. „Der Verleger, um den es geht, ist offensichtlich Feltrinelli, ein berühmter linksradikaler italienischer Verleger, der sich Anfang der 1970er dazu entscheidet, den bewaffneten Kampf aufzunehmen und dabei auch umkommt. Aber „Der Verleger“ ist kein Buch über ihn. Die Geschichte erzählt vielmehr von vier Personen, damals aktiv in der Linken, die versuchen, seinen Tod zu rekonstruieren, um einen Film darüber zu machen. Es ist ein Buch, das den Wendepunkt beschreibt, den Feltrinellis Tod darstellte. Mit ihm starb die alte Linke, die alten Gewerkschaften, der alte bewaffnete Kampf.“ (Nanni Balestrini)



Der Verleger Teil 1: vierzehn Uhr dreißig
Von Nanni Balestrini
Bearbeitung und Regie: Michael Farin
BR 2017


Die ProtagonistInnen des Romans, die 1972 auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf den Tod Giangiacomo Feltrinellis bei einem missglückten Anschlag auf die Stromversorgung Mailands reagieren, versuchen 15 Jahre später, einen Film über „den Verleger“ und die Bedeutung seines Todes für die Linke zu machen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden seiner Trilogie „Die große Revolte: Wir wollen Alles und Die Unsichtbaren“ werden im Roman „Der Verleger“ zwei Zeitebenen ineinander montiert. Auf diese Weise entsteht eine sehr komplexe literarische Reflexion, sowohl über bewaffnete Politik und Guerilla wie auch über die Entwicklung der linken Bewegungen in Italien. „Sein Tod hatte große Bedeutung für mich. Feltrinelli war mein Freund. Aber auch für Italien war das ein Einschnitt. Bis dahin gab es einen Teil der Bourgeoisie, die mit der 1968er Bewegung einverstanden war, sie sympathisierte mit vielen Ideen, aber war nicht richtig Teil der Bewegung. Das änderte sich mit seinem Tod. Die bürgerlichen Intellektuellen mussten Stellung beziehen, und das war ein erster Bruch. Das ist genau der Grund, warum ich meine, sein Tod sei ein Wendepunkt gewesen.“ (Nanni Balestrini)



Der Verleger (2/2) Er spürt nichts mehr
Von Nanni Balestrini
Bearbeitung und Regie: Michael Farin
BR 2017


Regisseur Michael Farin im Gespräch: „Nanni Balestrinis Roman ‚Der Verleger‘ als Hörspiel“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert