Donaueschinger Musiktage 2025: Mariam Rezael: The Scholar’s Record
75 Jahre SWR bei den Donaueschinger Musiktagen: Die britische Komponistin und Turntable-Performerin Mariam Rezaei hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, um das umfangreiche SWR-Archiv von Aufnahmen der Musiktage zu erkunden und daraus eine neue Performance für vier Turntables zu komponieren.
Inspiriert von asiatischen Gelehrtensteinen behandelt sie in ihrem Archivprojekt Aufnahmen und Schallplatten als „heilige Objekte“, die sie aus verschiedenen Perspektiven sampelt.
Mariam Rezael: The Scholar’s Record – Part II
Für Turntables. Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2025.
Die Vinyl-Schallplatte, die in der Popkultur wieder auflebt und von einer jüngeren Generation neu entdeckt wird, stellt für alle Hörenden eine zutiefst persönliche und emotionale Erfahrung dar. Seit ich gelernt habe, Schallplatten aufzulegen und die Nadel auf eine Rille zu setzen, bis hin zum Durchstöbern staubiger Kisten nach vergrabenen Schätzen, weiß ich, dass in dem Knistern und Knacksen leerer Rillen der Klang der Vorfreude liegt – sei es ein neugieriges Ohr, das auf das nächste Lied wartet, oder der schnelle Gang zum Plattenspieler, um die Scheibe umzudrehen.
Die Schallplatte ist das Relikt eines Rituals. Ob als Zuhörer:in zu Hause, als DJ auf der Bühne oder als Sammler:in von Raritäten in einem Plattenladen – in den Rillen liegt eine Vielzahl von Versen, Erfahrungen und Emotionen. Die Schallplatte repräsentiert ein Stück Zeit, sowohl im Bezug auf die Geschichte als auch auf den Ort. Manchmal werden Millionen von Menschen angesprochen, manchmal werden nur die Herzen einiger weniger begeisterter Zuhörender erreicht.
Die Vinyl-Schallplatte ist ein wunderschönes Artefakt. Ähnlich wie ein „Scholar’s Rock“ (Gelehrtenstein) kann die Schallplatte für uns als Schöpfende und als Hörende zu einem zentralen Punkt werden. Gelehrtensteine (gongshi) werden von chinesischen Intellektuellen seit der Tang-Dynastie sehr geschätzt. Die schönen und einzigartigen Steine werden oft als Fokuspunkt für Denker verwendet und helfen ihnen, ihre Gedanken zu sortieren und zu schärfen. Der Dichter und Maler Mi Fu (1051–1107) aus der Song-Dynastie war ein leidenschaftlicher Sammler von Steinen und kategorisierte sie nach vier Qualitäten: shou (schlanke und anmutige Form), zhou (schroff in Form und Oberfläche), lou und tou (Offenheit und Durchlässigkeit mit durch natürliche Erosion entstandenen Öffnungen).
Mi Fus Methodik liegt meiner neuen Komposition „The Scholar’s Record“ zugrunde, die aus dem riesigen Donaueschingen-Archiv des SWR schöpft. Das Stück, das als Quartett aus vier von einem Solisten oder einer Solistin bedienten Turntables konzipiert ist, gestaltet Aufnahmen aus der Geschichte des Festivals radikal um und verwendet dabei verschiedenste Techniken wie Skratching, Beatjuggling oder Turntabletöne. Ausgehend von Fus Kategorisierung stelle ich neue Möglichkeiten der Klassifizierung und Auswertung großer Mengen musikalischer Werke zur Diskussion. „The Scholar’s Record“ beleuchtet die kompositorische Ästhetik von Plunderphonics, Musique Concrète und Collage-Formen in einer Live-Performance.
© SWR Kultur, Donaueschinger Musiktage 2025, 18.10.2025