Essay: „Taxonomien“ Wie Ordnung in die Natur gebracht wird
Das weltweite Artensterben verweist unmissverständlich auf die Bedeutung der Biodiversität. Zwar wächst die Vielfalt, wenn neue Arten entdeckt und benannt werden. Aber es gleicht einem Wettlauf, wenn Arten schneller aussterben als sie entdeckt werden. Von Michael Ohl.
Damit die Ordnung der Natur in der systematischen Beschreibung neuer Spezies auch in Zukunft als Wissen erhalten bleibt, und nach dem Aussterben von Arten deren Vergangenheit erinnert werden kann, bedarf es der Taxonomie, der Schule der Benennung. Diese sprachliche Welterschließung, die Herstellung einer Ordnung der Vielfalt der Naturgegenstände, ist eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen. Historisch begann diese Kulturtechnik mit pragmatischen Unterscheidungen, dann galt es, die Weisheit des allmächtigen Schöpfers in der Harmonie der Naturdinge wiederzuerkennen. Mit den ersten Globalisierungserscheinungen, den Entdeckungsreisen der Neuzeit, offenbarte sich eine unendliche Vielfalt, die neue Ordnungskriterien erforderte. Diese gilt es heute zu schärfen und weiterzuentwickeln. Vielleicht auch, weil neue Arten, ja die biologische Vielfalt insgesamt, besser zu schützen sind, wenn sie einen Namen tragen.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 7.1.2024