Musiktipps

„Gegen die Kleider­ordnung im Jazz“ Markus Müller widmet sich der Geschichte des Labels Free Music Production

Ein Buch widmet sich der Geschichte des Berliner Avantgarde-Labels Free Music Production (FMP), das vier Jahrzehnte die improvisatorische Musik maßgeblich prägte. Von Holger Pauler.

Beeinflusst von den Ideen der Achtundsechziger, schuf die Musikerinitative eine Plattform für die Produktion, Präsentation und Dokumentation von Freier Musik. Durch die bahnbrechende Zusammenarbeit mit Cecil Taylor erlangte das Label internationale Bedeutung.

Free Music Production – was für Nichteingeweihte nach Marktplatz für die Massen klingt, ist in Wahrheit ein Hort der musikalischen Avantgarde. 1969 in Berlin von Peter Brötzmann und Jost Gebers gegründet, entwickelte sich das Plattenlabel bald zu dem wichtigsten Forum des europäischen Free Jazz. Mehr als drei Jahrzehnte war es die »Plattform für die Produktion, Präsentation und Dokumentation von Musik«.


Das war von vornherein auch so ein Arbeitsprinzip von FMP, dass man eine Situation herstellen muss, wo eigentlich alles, was im Sinne freier Musik ist, möglich ist.

Jost Gebers

»Free Music Production. FMP – The Living Music« ist der Titel eines Buchs, das vor kurzem im Wolke-Verlag erschienen ist. Auf 400 Seiten im Großformat nähert sich Autor Markus Müller ausführlich der Geschichte des Avantgarde-Labels. Er lässt die Gründer Jost Gebers und ­Peter Brötzmann zu Wort kommen, dokumentiert die zahlreichen Aufnahmen und blickt zurück auf die Festivals »Total Music Meeting« und »Workshop Freie Musik«, die unter dem Dach von FMP stattfanden, um Musikerinnen und Musikern eine Bühne zu bieten, die an anderer Stelle ignoriert wurden. Neben den einordnenden Texten und Interviews gibt es mehr als 300, zum Teil Seiten füllende Abbildungen: Konzertfotos, Programme, Plakate, Plattencover oder auch Verträge zum Beispiel mit dem VEB Deutsche Schallplatten, ­Monopolist für Tonträgerherstellung in der DDR.


Als ich in Chicago war, kamen Leute zu mir mit der Taylor-Box und wollten von mir ein Autogramm haben. Und dann kam irgendwann abends in New York ein Typ, der fiel sozusagen vor mir auf die Knie und küsste mir die Hand, weil er meinte, was für tolle Sachen da gemacht worden sind.

Dagmar Gebers

Die Basis des Bandes bilden zwei Ausstellungen, die 2017 im Münchner Haus der Kunst und 2019 in der Berliner Akademie der Künste stattfanden und von Müller kuratiert wurden. Der Titel »The Living Music« geht auf eine Veröffentlichung des Pianisten Alexander von Schlippenbach aus den Anfangsjahren des Labels zurück. Zugleich passt er zu einer Musik, die lebendig sein möchte und deshalb vor allem live auf der Bühne entsteht. FMP war daher immer mehr als nur ein Label: Es war ein Kollektiv im besseren Sinne.



Die größtenteils vergriffenen Platten/CDs gibt es entweder gebraucht auf diversen Portalen oder als Download bei der von Jost Gebers betriebenen Seite: https://destination-out.bandcamp.com/

© Jungle World, Dschungel, 25.5.2022


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