„Härtere Zeichen“ Ein Porträt des Büchnerpreisträgers Lutz Seiler
Von Helmut Böttiger. Lutz Seilers Sozialisation in der DDR, seine Probebohrungen in die literarische Tradition und sein Sensorium für die unmittelbare Gegenwart führten zu einer unverkennbaren literarischen Sprache. Bekannt wurde er durch den Gedichtband „pech & blende“ (2000).
Das erste Gedicht des Bandes heißt „mechanik der bildwelt“ und umreißt eine Poetologie: „Mit Abstand entstehen härtere Zeichen.“ Für Seilers literarische Technik gilt, was er für die DDR-Zeit anhand der Shigulis, Trabants und Wartburgs beschreibt: „die endlose Inspektion, die immerwährende Durchsicht.“ Es ist ein Drehen und Wenden, eine Prüfung jedes Details, bis Satzbau und Grammatik so fein poliert sind, dass die Worte aus sich heraus zu leuchten beginnen. Mit den großen Romanen „Kruso“ (2014) und „Stern 111“ (2020) hat Seiler nicht nur ein Epos über die letzten Jahre der DDR geschrieben, sondern auch einen grundlegenden Epochenwandel im Blick: das Ende des mechanischen Zeitalters. Das treibt den gelernten „Baufacharbeiter“, den Zimmermann und Maurer besonders um.
© Deutschlandfunk Kultur, Literatur, 3.11.2023