Hörspiel „Der Platz“ Von Annie Ernaux
Die eigene Geschichte, auch die eigene Familie, ist Annie Ernaux’ literarisches Thema. Nach dem Tod des Vaters schreibt sie, die studiert hat und Gymnasiallehrerin geworden ist, über ihn, den Bauerssohn, Fabrikarbeiter und Kneipenwirt.
Sie schreibt, weil sie mit ihrer Herkunft gebrochen hat, weil sie und ihr Vater sich nichts mehr zu sagen hatten. Und doch versucht sie über das Schreiben, über die Sprache sich wieder ihrem Vater anzunähern, zu erklären, wie sie zur sozialen Überläuferin ins Bürgertum geworden ist.
Sie beschreibt, wie sie jetzt das Leben des Vaters aus der Bedeutungslosigkeit zu holen versucht, in die sie es – und damit auch ihr eigenes früheres Leben – verdrängt hatte.
Ist das der Preis des sozialen „Aufstiegs“: die Verleugnung und Verdrängung der Herkunft, des Geschmacks, der Sprache und der Umgangsformen? Es ist ein Schreibprozess, der „selbstverständlich keine Freude“ bereitet und zwischen der Welt des Vaters und der Welt der Tochter balanciert: „Vielleicht sein größter Stolz, sogar sein Lebenszweck: dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn herabgeblickt hatte“, konstatiert Ernaux.
Mit ihrem Schlüsselwerk „Der Platz“ hat Annie Ernaux neue Maßstäbe des autobiographischen Schreibens gesetzt, indem sie das Thema der sozialen Herkunft und deren Überwindung in den Fokus nimmt.
„Der Platz“ Von Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Musik: Martin Schütz
Hörspielbearbeitung & Regie: Erik Altorfer
hr 2020 | Hörspielpremiere