„Ich bin ein Kopist“ Über das Abschreiben als Grundlage unserer Kultur Von Martin Zeyn
Ein Essay, der – Danke, Jonathan Lethem! – das Denken über die Kopie wieder fremd machen will. Martin Zeyn plädiert für einen entspannten Umgang mit der Kopie, die im 3. Jahrtausend nicht mehr als Gegenteil des Originals fungieren kann.
Von Martin Zeyn
Wer schreibt, schreibt ab. Quasi unter diesem Motto haben mittelalterliche Klosterschreiber die Antike überliefert. Alle Kultur fußt auf Überlieferung, auf Zitat, Variation, Aneignung. Umberto Eco schloss daraus – etwas resignativ -, dass nichts Neues mehr geschrieben werden und man nur noch die altbekannten Motive neu arrangieren könne. Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem weist einen Weg aus dem Dilemma: „Heutzutage gibt es wirklich nichts mehr, was uns nicht irgendwie bekannt vorkommt -, und deshalb sollte es nicht verwundern, dass die anspruchsvollste Kunst der Gegenwart damit beschäftigt ist, das Bekannte wieder fremd zu machen.“
Ohne Abschreiben gibt es keine klugen, keine originären Gedanken. Martin Zeyn hat in seinem Leben viel abgeschrieben und das fast immer mit Gänsefüßchen gezeichnet. Aber sein Essay ist selbst da, wo diese Satzzeichen fehlen, eine Frucht von Lektüre, von Musikhören, von zeitgenössischer Philosophie.
© Bayern 2, Nachtstudio, 20.6.2017