Ingo J. Biermann über Wolfgang Becker und „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“
Vor gut einem Jahr fuhren wir abends auf dem Rad vom Kino am Bahnhof Zoo zurück, als ich vor der X-Filme-Villa in der Kurfürstenstraße einen alten Mann gerade in sein Auto einsteigen sah. (Das X-Filme-Haus liegt etwa zwei Minuten von unserer Wohnung; allerdings sind die zwischenzeitlich wohl ans andere Ende Kreuzbergs umgezogen.)
Ich dachte, der kommt mir irgendwie bekannt vor, und nach einem kurzen Schreckmoment realisierte ich, dass der Mann Wolfgang Becker war, signifikant gealtert, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte.
Nun läuft sein letzter Film im Kino, „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“, den er noch zu Ende drehen hat können: Und wie von Seiten seiner Schauspieler zu hören war, ging es ihm am Ende bereits sehr schlecht, so dass Team und Besetzung das wohl ungewöhnlich kollektiv gemeinsam getragen haben. Dies spürt man beim Sehen des Films, will ich meinen. Wie bei Beckers anderen Filmen lässt die Inhaltsbeschreibung nicht wirklich viel bzw. nicht allzu Großes erwarten — allenfalls eine deutsche Berlin-Kalauer-Komödie. Doch am Ende bekommt man wieder einmal einiges mehr als erwartet.
Der Film ist wirklich schön geworden, sehr warmherzig und charmant. Vor allem fällt auf, wie gut diese große Riege bekannter deutscher Darsteller, die man größtenteils in jedem zweiten Film in der Flimmerkiste erspäht und dabei oftmals denkt, wie schlecht doch das alles immer gespielt und heruntergekurbelt wirkt, doch sein kann. Doch auch wenn bei Wolfgang Becker die Leute nicht plötzlich Oscar-reife Leistungen vollbringen, passt all das deutsche Schauspielertum hier gut zusammen, es gibt ein paar Albernheiten, aber auch viele sensible und doppelbödige Momente, die ebenso einem oberflächlichen Zuschauen wie einem nachdenklichen Mitgehen standhalten.
Und so schön zu sehen, wie Wolfgang Becker für seinen letzten, melancholisch angehauchten Film so viele bekannte Gesichter aus seinem gesamtem Werk wieder vereint hat, Christiane Paul etwa, fast 30 älter als in „Das Leben ist eine Baustelle“ (aus dem auch Jürgen Vogel einen Gastauftritt hat). X-Filme-Mitgründer Dani Levy schaut ebenso vorbei wie Peter Kurth und Daniel Brühl. Das bekommt die Anmutung einer gemeinsamen Verbeugung und eines Abschieds, aber der Film ist, gerade wenn man in Berlin lebt und all die Straßen und Ecken kennt, doch weit mehr als einfach nur eine nette, melancholische Ostberlin-Komödie. Es gibt viele schöne, unaufgeregte Szenen und Zwischen-den-Zeilen-Gedanken. Und man erinnert sich hier und dort an die deutsche Filmgeschichte der letzten 30 Jahre, die Wolfgang Becker so ein bisschen aus der Distanz, mit seiner herzlichen, aber immer sehr leidenschaftlichen Art begleitet hat.