„Internalisierte Misogynie spielte bei mir eine riesengroße Rolle.“ Die Komponistin Sara Glojnarić im Interview von Hannah Schmidt

Die Komponistin Sara Glojnarić gewann 2020 den Kompositionswettbewerb »NEUE SZENEN«. Schon 2018 wurde ihr Werk #popfem, das antifeministische und rassistische Propaganda künstlerisch demontiert, mit dem Kranichsteiner Musikpreis ausgezeichnet.

„Ich dachte vorher nie, dass meine Identität als queere Frau einen starken Einfluss auf meine kompositorische Arbeit haben kann«, erklärt Glojnarić Hannah Schmidt im Gespräch. »Eigentlich ist das ein typisch ›westlicher‹ Gedanke, dass man das Private nicht in der Musik verarbeiten darf. Ich habe beides für zwei getrennte Dinge gehalten …“

VAN: Woher kam dieser Gedanke?

Sara Glojnarić: Internalisierte Misogynie spielte bei mir eine riesengroße Rolle. Zwar war sie mir nicht bewusst, aber unbewusst war sie ständig da. Damals als Jugendliche fand ich beispielsweise die Musik von Dora Pejačević unglaublich schön, hatte aber das Narrativ verinnerlicht, dass ihre Musik zu weich oder gar kitschig sei, all diese Dinge, die man ›weiblich‹ gelesener Musik zuschreibt. Dabei ist das totaler Quatsch, ihre Musik ist unfassbar gut gemacht. Ich bin mir sicher: Wenn sie keine Kroatin wäre und keine Frau, wäre sie heute so bekannt wie Brahms.

Wie war es für dich, rückblickend, in diesem Kontext deinen Weg zur Komposition zu finden?

Es war für mich als Mädchen ganz wichtig zu verinnerlichen, dass ich überhaupt Komponistin werden kann. Wenn man in einer sehr patriarchalen Gesellschaft wie in Kroatien aufgewachsen ist, muss man erstmal verstehen, dass das eine Möglichkeit ist, auch wenn es nicht so präsent ist. Ich  hatte mit 15, 16 Jahren einen Lehrer, der sich dahingehend große Mühe gegeben und mir ganz viele Komponistinnen vorgestellt hat – außer Dora Pejačević kannte ich nämlich keine einzige. Das waren wichtige Impulse.

Was hat dann in Deutschland den Ausschlag gegeben, dass du aufgehört hast, deine Identität von deinem Werk trennen zu wollen?

Ich war damals in einer Klasse, die auch sehr queer war, und unser Professor Martin Schüttler hat uns dazu aufgefordert, uns mit diesen Dingen zu beschäftigen und sie zu verarbeiten. Er hat uns klar gemacht, dass wir davor nicht wegrennen müssen. Es war ein echt cooles Setting, in so einer Klasse zu sein mit so einem Professor, wo all diese Sachen, die für mich in Kroatien extrem schwierig waren, plötzlich völlig normal waren.

© VAN Magazin, 5.5.2021

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