Musiktipps

„It’s the labels, stupid!“ Berthold Seliger räumt mit einigen Mythen über die Vergütung in der Musikstreaming-Ökonomie auf.

Bernd Gürtler gab mir den Tipp für diesen Beitrag von Berthold Seliger. Hier geht es um das Dauerthema des Musikstreamings und der Vergütung. Letztlich sind die Bösen immer noch dieselben. Universal, Sony und Co. Sehr informativer und wichtiger Text!

Der Schriftsteller Franz Kafka empfand schon die Tatsache, dass Grammophone „in der Welt sind, als Drohung“, wie er 1912 in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer, bemerkte. Bauer arbeitete damals als Prokuristin bei der Carl Lindström AG, einem Industriebetrieb, der ursprünglich auf die Herstellung von Grammophonen spezialisiert war, zu der Zeit aber bereits Aufnahmestudios betrieb und sich auf dem Weg zum größten Schallplattenproduzenten Europas befand. „Nur in Paris haben sie mir gefallen“, fährt Kafka im Brief an Felice Bauer fort, „dort hat die Firma Pathé auf irgendeinem Boulevard einen Salon mit Pathephons, wo man für kleine Münze ein unendliches Programm (nach Wahl an der Hand eines dicken Programmbuches) sich vorspielen lassen kann. Das solltet ihr auch in Berlin machen, wenn es das nicht schon gibt.“ Kafka würde das „unendliche Programm“ der Musikstreaming-Giganten unserer Tage vermutlich sehr gefallen – der weltweit größte Audio-Streaming-Abonnementdienst Spotify bietet ebenso wie sein Konkurrent Apple Music aktuell über 70 Millionen Musikstücke an, und all diese Tracks sind nur einen Fingertipp entfernt: Hörer:innen können sie im Abonnement für knapp 10 Euro monatlich hören (das „Premium“-Konto) oder sogar ohne Bezahlung, dafür mit Werbeeinspielungen (das sogenannte „Freemium“-Modell).

Streamingdienste wie Spotify, Apple Music, Amazon Prima, Deezer sowie spezialisierte Plattformen wie Idago oder Tidal und nicht zuletzt YouTube haben das Geschäftsmodell der Musikindustrie von den Füßen auf den Kopf gestellt: Wir haben im letzten Jahrzehnt die umfassende Transformation von einem Besitzmodell hin zu einem Zugangsmodell erlebt. Die Musikfans müssen nicht mehr Vinyl-Alben oder gnadenlos überteuerte Billigprodukte wie die weiland von der Tonträgerindustrie durchgesetzten CDs erwerben, um Musik zu hören, sondern sie können Musik hören, ohne sie zu besitzen.



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