Jazzfest Berlin 2024: Joe Lovano Trio Tapestry
Obwohl er wohl zu den wichtigsten Jazzsaxofonisten der letzten drei Jahrzehnte gehört, hat Joe Lovano nie aufgehört zu experimentieren und neue Kontexte zu erschließen.
Während seiner Jahre bei Blue Note arbeitete er mit der Third-Stream-Ikone Gunther Schuller zusammen, experimentierte mit Opern, widmete sich dem Frank Sinatra Songbook und leitete zahlreiche Trios, Quartette und Quintette. Dabei leuchtet in seinem Spiel stets die gesamte Jazzgeschichte auf, während er mühelos durch neue, komplexe harmonische Gefilde navigierte. 2018 gründete Lovano mit dem Trio Tapestry sein wahrscheinlich bisher experimentellstes Projekt: eine Band ohne Bass, gemeinsam mit dem italienischen Schlagzeuger Carmen Castaldi und der außergewöhnlichen amerikanischen Pianistin Marilyn Crispell, die am Eröffnungsabend des diesjährigen Jazzfest Berlin ein seltenes Solo-Konzert gibt.
Auf inzwischen drei Alben verfolgt das Trio einen sehr offenen Austausch musikalischer Ideen. Lovanos kontemplative Kompositionen auf dem atemberaubenden Track „Our Daily Bread“ etwa ermöglichen ein ausgeprägtes Zusammenspiel und beschwören zudem sich ständig wandelnde Improvisationen. Das federleichte Beckenspiel von Castaldi gibt Crispell endlosen Freiraum und schafft immer neue Klanggewebe, die sich unter den suchenden Linien Lovanos wiegen und dabei eine ganz eigene Sprache entwickeln. Und selbst wenn ein Großteil der Musik aus leichten Balladen besteht, können die Musiker*innen, wenn sie wollen, auch aufs Gas treten und ordentlich swingen. © Texte: Jazzfest Berlin
Joe Lovano: Tenorsaxofon, Tárogató, Gongs
Marilyn Crispell: Klavier
Carmen Castaldi: Schlagzeug, Perkussion
Jazzfest Berlin 2024, 1.11.2024
© Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 1.11.2024