Jeff Beck und Johnny Depp „Mit achtzehn hat man noch Träume“

Was wie ein selbstzufriedener Nostalgietrip wirkten könnte, entpuppt sich als risikobereites Survival-Training: Auf dem gemeinsamen Album „18“ entdecken Jeff Beck und Johnny Depp ihre gemeinsamen Wurzeln. Von Peter Kemper.

Er ist ein wandelndes Paradox. Mit jedem Ton seiner Gitarre beglaubigt Jeff Beck die Einsicht, dass man erst älter werden muss, um jung zu bleiben. Im vertrauten Sechsjahreszyklus veröffentlicht er seine Studioalben und ist jedes Mal für eine Überraschung gut. Dass sich der Achtundsiebzigjährige für sein jüngstes Werk mit dem skandalumwitterten Schauspieler und Möchtegern-Rocker Johnny Depp zusammengetan hat, dürfte dennoch manchen irritieren. Doch Beck beteuert, dass er seit Jahren keinen derart kreativen Partner mehr gehabt habe und dass Depp die treibende Kraft des neuen Albums gewesen sei. Er hoffe jedenfalls, dass die Leute ihn jetzt auch als ernsthaften Musiker und beseelten Rock-’n’-Roll-Sänger akzeptieren.



Wie viel Spaß die beiden bei den Aufnahmen gehabt haben dürften, signalisiert schon der Albumtitel „18“. Beck erinnert sich: „Als Johnny und ich anfingen, zusammenzuspielen, kehrte schlagartig unsere Jugendlichkeit zurück, und wir scherzten darüber, dass wir uns wieder wie Achtzehnjährige fühlen würden.“ Was wie ein selbstzufriedener Nostalgietrip wirkten könnte, entpuppt sich schnell als risikobereites Survival-Training: In elf Coverversionen, mit ihrem Schwerpunkt in den „Golden Sixties“ und zwei Depp-Kompositionen definieren die beiden Seelenverwandten – sie spielten schon einmal bei den Hollywood Vampires zusammen – den State of the Art des zeitgenössischen Gitarrenrocks. Die stilistische Bandbreite ist schwindelerregend. Sie reicht von irischer Dudelsackmusik über zärtliche Liebesballaden und Soul-Grooves bis zu brachialen Post-Punk-Sounds. Zusammengehalten wird dieses wilde Genre-Gemisch allein durch Becks singuläre Gitarrenarbeit: Sie ist ihm Kompass, Verkörperung und Stimme gleichermaßen.



© FAZ, Feuilleton, 11.7.2022

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