Jens Balzer: „Schmalz und Rebellion“. Der deutsche Pop und seine Sprache. „Wann, tuu, zriee, forr, läts go“ – so tönt Entnazifizierung auch.

Der deutsche Pop hat lange mit der eigenen Sprache gehadert. Das Buch «Schmalz und Rebellion» zeigt, wie er über das Englische zu sich selbst gefunden hat – sogar im Deutschrap. Von Ueli Bernays.

Wer Pop hört, springt ins kühle Wasser, in eine Strömung, die aus der Enge nationaler Traditionen in eine globale Allgemeinheit hinausweist. Im Pop kann man sich lösen von regionalen, ethnischen oder religiösen Vorurteilen, um sich gewissermassen neu zu erfinden. Allerdings ist diese Freiheit von Hürden verstellt. Geprägt von amerikanischen und britischen Künstlern, setzt diese kosmopolitische Kultur gewisse Englischkenntnisse voraus.

In den sechziger Jahren jedenfalls galt im deutschen Sprachraum eine Art Pop-Purismus, der keine Alternative zum Englischen erlaubte. Fast schien es, als ob die globale Wirkungsmacht der Pop-Kultur von dieser Lingua franca abhänge. Die deutsche Hochsprache und Mundart wirkten demgegenüber im höchsten Grad bieder und uncool.



Englisch als Entnazifizierung

In seinem Buch „Schmalz und Rebellion“ zeichnet Jens Balzer die sprachliche Entwicklung der deutschen Pop-Musik nach. Der Kulturpublizist zeigt dabei, wie sich die neue Musik aus den USA als Möglichkeit erwies, Bindungen zur problematischen deutschen Kultur zu kappen: Der Gebrauch des Englischen empfahl sich dabei geradezu als Methode der Entnazifizierung.



Jens Balzer: Schmalz und Rebellion. Der deutsche Pop und seine Sprache. Duden-Verlag, Berlin 2022. 224 S., Fr. 35.90.

© NZZ, Feuilleton, 14.6.2022

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