John Cage: „Abschied vom gis“ ORGAN2/ASLSP in Halberstadt
Bewegung im bewegungsärmsten Musikstück der Welt: Ein Ton verklingt nach 17 ereignislosen Monaten. Wer ihn noch hören will, muss sich jetzt sehr beeilen. Von Ulrich Stock, Halberstadt.
Früher Abend in Halberstadt am Ostrand des Harzes, trübe Luft unter den Laternen, niemand auf der Straße, als ein Mann ganz in Schwarz die Tür der bald 1.000 Jahre alten Kirche aufschließt. Sankt Burchardi. Eine entkernte Ruine, graues, muffiges Mauerwerk, in das sich all das, was war, schrundig eingeschrieben hat. Schon von draußen ist als Hauch der Akkord zu hören, der hier seit 17 Monaten erklingt.
Drinnen kein Gestühl, kein Altar, die Entwidmung kam vor 200 Jahren, als Napoleon in Europa das Sagen hatte. Kies auf dem Boden, Dunkelheit, nur die Orgel im Licht, die mehr ein Orgelchen ist. Der Akkord hat sieben Töne, die aus sieben Pfeifen strömen, die in einer improvisierten Holzkonstruktion stecken. Man kann um die Orgel herumgehen, jede Pfeife für sich betrachten. Das Instrument, das diesen einen Klang herstellt, stellt ihn auch aus.
Der Mann mit dem Schlüssel, Rainer Neugebauer, trägt einen prachtvollen Bart zur schwarzen Kleidung; seine gravitätische Erscheinung passt zur Aura des Ensembles. Wenn jemand Interesse am Halberstädter Cage-Projekt zeigt, schließt er, der künstlerische Leiter, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf. Es haben schon Besucher auf der Isomatte im Kiesbett geschlafen, um sich aufzuladen mit dieser eigentümlichen, der Gegenwart enthobenen Klangenergie.
© Zeit Online., Kultur, 4.2.2022