Best of 2025Best Of The Years

Kai’s Jahrescharts 2025

Unglaublich, aber leider wahr. Ich habe Kai’s „Best of 2025” schlichtweg übersehen. Das darf mir, auch bei einem stetig übervollen Postfach, nicht passieren. Zumal sich Kai viel Arbeit damit gemacht hat und zu den Videos auch viele Texte geschrieben hat. Diese Mühe machen sich nicht viele. Hier also endlich Kai’s Best of 2025 – es gibt viel zu entdecken! Versprochen!


20: Pago Libre (CH / DE / RU): 3 x 7 = 21 + 9 = 30 (rec. 2024, rel. 2025)

2025 war das Jahr, in dem ich nach fünfundzwanzigjähriger Abstinenz wieder in einen Musikverein eingetreten bin. Kein Wunder, dass sich in diesem Jahr zwei Polkas in meinen Top-20 finden. Die erste stammt von Pago Libre, libre wie frei, eine Jazzband, die so frei ist, eben auch mal eine Polka zu spielen. Da verzeiht man vielleicht sogar die mathematisch fragwürdige Notation im Titel dieses Stücks.


19: Myra Melford (US): Dry Print for Twombly (rec. 2024, rel. 2025)

Die Gemälde von Cy Twombly sind mir seit über zehn Jahren, seit meinem letzten Besuch im Museum Brandhorst in München, nicht mehr begegnet, sind aber in musikalischer Form in diesem Jahr oft in meine Ohren gedrungen durch Myra Melfords „Trockendruck“ (nicht ganz sicher, auf welche Drucktechnik sich das wohl bezieht).


18: Karkhana (LB): Nafas Kahrouba’i (rec. 2016 / rel. 2017)

„Freie Musik aus dem Mittleren Osten“ machen Karkhana aus Beirut gemäß Selbstauskunft. Dass Psychedelik gut zum Sufismus passt, ist vielleicht keine ganz neue Erkenntnis, aber in diesem Stück wird es mal wieder besonders schön ausbuchstabiert.


17: Ensemble SuperMusique (CA): La vie de l’esprit (rec. 2019, rel. 2022)

Und noch einmal visuelle Musik – ein Ensemble spielt synchron zu einer bildenden Künstlerin, beide gemeinsam nähern sich so künstlerisch der Funktionsweise des menschlichen Geistes. Die Komponistin Joan Hétu sagt dazu: „Les esprits sont comme les parachutes, ils ne fonctionnent que lorqu’ils sont ouverts.“


16: Elliott Sharp & Carbon (US): Nyetwork (rel. 1994)

Rhythmisches Wiegen während es um einen herum quängelt und dengelt – was bei mir Karkhana (#18) mystisch angehaucht erschien, wirkt bei Elliott Sharp und Konsort:innen ganz säkular. Ist das etwa Großstadtleben?


15: Spinifex (NL): Big Brother (2024)

Krumme Ostinati, rockiger Bass, kontrapunktische Bläserriffs als Hintergrund für ausgedehnte Soli: Typische Zutaten eines guten Spinifex-Stücks. Es gibt hier keinen Grund, nicht Spinifex-Fan zu bleiben.


14: Raed Yassin (LB): Flying Revenge (2020)

Noch einmal libanesische Psychedelik, dieses Mal zugleich traditioneller und elektronischer als bei Karkhana. Raed Yassin vermischt alte Archivaufnahmen (der Titel des Albums lautet nicht umsonst Archäophonie) mit eigenen Klängen und überschreibt so die koloniale Vergangenheit der Musikethnologie.


13: Palo Alto (FR): Rhizome (rec. 2017-19, rel. 2020)

Als ich in den Nullerjahren geisteswissenschaftlich studiert habe, kam man an Gilles Deleuze schon vorbei – selbst Dozent:innen durften freimütig eingestehen, dass sie seinen Namen noch nie gehört haben. Wenn eine Mode erst einmal vergangen ist, hat das den Vorteil, dass sich danach nur noch echt Interessierte mit dem beschäftigen, was einst eine Mode gewesen ist. Palo Alto spielen also ihre filosofisch-literarisch inspirierte Deleuze-Musik aus echtem Interesse heraus. Es sei daran erinnert: Nach Deleuze herrscht in der Tiefe undurchdringliches Chaos und an der Oberfläche klare, weite Ausdehnung.


12: Mhairi Lawson & Concerto Caledonia (GB-SCT): Corn Riggs Are Bonny (rec. 1999/2000, rel. 2001)

Das schottische Ensemble Concerto Caledonia ist zugleich unorthodox und organisch: ein Ensemble, welches vornehmlich volksmusikalisch orientierte Barockmusik auftischt, aber zuweilen auch mal Progressive-Rock-Stücke von Fred Frith oder Frank Zappa arrangiert, liefert hier ein Stück des schottisierten italienischen Komponisten Francesco Barsanti zu einem Text von Allan Ramsay – keine Ahnung, worum es da geht, hübsche Getreidesegel etwa?


11: Mary Halvorson (US): Amaranthine (rec. 2024, rel. 2025)

Eine eigenwillige Gitarristin wird man ja wohl vor allem für ihr eigenwilliges Gitarrespiel schätzen. Tue ich ja auch, aber was mir persönlich ganz besonders gefällt, ist die Art, wie sie Blechblasinstrumente in Szene setzt, hier Adam O’Farrill und Jacob Garchik.


10: Josse de Pauw, Peter Vermeersch & Pierre Vervloesem (BE): Crash! (1998)

Auch wenn ich diese flämisch erzählte Geschichte leider nicht verstehe, transportiert die Hörspielmusik von Peter Vermeersch und Pierre Vervloesem (bekannt von der Flat Earth Society und X-Legged Sally) auch auf emotionaler Ebene die Geschichte eines Mannes, der weggeht.


9: Fred Frith & Shelley Burgon (GB / US): Adventures in Red (rec. 2002 / rel. 2025)

Können sich improvisierende Musiker:innen etwas aneignen? Eigentlich nicht, denn es liegt in der Natur der Improvisation, dass man Dinge nicht ergreift, sondern sie vorbeiziehen lässt. Insofern kann es auch gar keine kulturelle Aneignung sein, wenn Improvisator:innen aus dem Westen auf zwei westlichen akustischen Saiteninstrumenten asiatisch klingen. Oder ist das sowieso gar nicht in der Musik, sondern nur im „Ohr des Betrachters“?


8: The Resonators (DE): Decision Tree (2021)

Ein Entscheidungsbaum ist für mich eine informatische Struktur, die z. B. Ergebnis eines Maschinenlern-Vorgangs sein kann. Aber wie das mit der Kunst so ist – sie lässt uns die Gegenstände unseres Alltags neu denken und erleben, durchbricht unsere Wahrnehmungsautomatismen und setzt eine Reflektion in Gang. Was, wenn der Entscheidungsbaum tatsächlich ein echter Baum wäre, zu dem man geht, wenn man eine Entscheidung zu fällen hat? Ob diese Gedanken jetzt wirklich etwas mit dem freien Jazzrock der Resonators zu tun hat? Möge jeder für sich selbst entscheiden.


7: Kaja Draksler (SI): Away! (rec. 2021, rel. 2022)

Robert Frost ist meines Erachtens sowas wie der Rilke der USA: Seine Lyrik ist zugleich eingängig und metafyisch tief. „The Road not Taken“ konnte ich mal auswendig. Das Gedicht „Away!“, das Kaja Draksler hier vertont hat, kannte ich noch nicht, ist aber ebenso ergreifend.


6: Guy Klucevsek & Volker Goetze (US / DE): Meet Me on the Midway (rec. 2023, rel. 2025)

Und hier ist die versprochene (vgl. #20) zweite Polka. Guy Klucevsek, der große Akkordeon-Wanderer zwischen Folklore Imaginaire und Avantgarde, ist im Mai dieses Jahres verstorben, wenige Monate nach dieser Veröffentlichung von Aufnahmen mit dem gleichzeitig weichen und scharfen Trompetenton Volker Goetzes. Chapeau, ihr beiden!


5: Lowell Davidson Trio (US): Stately (1965)

Von Davidson hatte ich noch nie gehört, bis ich ihn auf der Zusatzliste zu Wires „100 Records That Set The World On Fire (While No One Was Listening)“ entdeckt habe (vgl. https://www.discogs.com/de/lists/The-Wires-100-Records-That-Set-The-World-On-Fire-While-No-One-Was-Listening-extra-30-Records/421), und ja, genau, dieser Pianist ist das perfekte Bindeglied zwischen Paul Bley und Cecil Taylor. Faszinierend.


4: Laura Jurd (GB): What Are You Running Towards? (2025)

In einem Jahr, in dem es ein neues Album Laura Jurd gibt, war für mich schon klar, was das beste Jazzalbum des Jahres wird, ich bin ja schon länger Fan. Dieses Mal hat sie sich von britischer Volksmusik inspirieren lassen und auch mit diesem Ausgangsmaterial kann sie wunderbare Arrangements erzeugen und mit ihrem schönen Trompetenklang besprenkeln. Sie bleibt für mich der Mike Westbrook ihrer Generation.


3: Yukio Yokoyama (JP): Allegro vivace (aus Beethovens Klaviersonate Nr. 16 G-Dur, op. 31) (1801)

Dieses Jahr habe ich Charles Rosens berühmte Studie „The Classical Style“ gelesen (https://www.goodreads.com/review/show/7491503909) und war dadurch natürlich angeregt, viel Haydn, Mozart und Beethoven zu hören. Auf Heavy Rotation war bei mir dieses ultraschnelle Bravourstück, das aufgrund der vielen Vorschlagsnoten eine ganz besondere rhythmische Prekarität besitzt, die Yokoyama hervorragend ausdrückt: Man fiebert quasi ständig mit, ob der Rhythmus noch passt oder der Pianist in der nächsten Kurve aus der Bahn geworfen wird.


2: Ray Anderson (US): The Literary Lizard (1994)

(Video ab 57:41)

Auf den ersten drei Plätzen herrscht in diesem Jahr durchweg viel Druck. Salonlöwen (= Lounge Lizards) sind bei mir schon seit jeher sehr beliebt, aber Ray Anderson setzt mit seiner Big Band noch einen drauf und präsentiert uns eine literarische Eidechse: Da freuen sich der Musik-, Literatur- und Naturfreund in mir gleichermaßen.


1: Symfonický orchestr Českého rozhlasu, František Vajnar: Valdštýnův tábor, op. 14 (Bedřich Smetana, 1859, rec. 1984)

Als Amateur-Blechbläser vollziehe ich immer große innerliche Freudensprünge, wenn ich sinfonische Musik höre, in denen diese Instrumentengruppe eine tragende Rolle spielt. Leider mag man das zwar dann oft mit Krieg oder Jagd assoziieren, aber wie sagte mal der Leiter einer Bildungseinrichtung für Zivildienstleistende zu mir: „Mir ist es lieber, wenn Zivildienstleiste hier bei uns mit dem Brettspiel Risiko Krieg spielen, als dass sie sich zum Dienst an der Waffe melden.“
Smetanas in Schweden geschriebenes und von Schiller inspiriertes Stück über Wallensteins Lager ist aber nach meinem Verständnis sowieso keine Kriegstreiberei, sondern ein vielschichtiges Klanggemälde und hat es so in diesem Jahr zu meinem absoluten Favoriten gebracht.


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2 Kommentare zu „Kai’s Jahrescharts 2025

  • So wie ich Kai kenne, allerlei Tolles und vieles Abwegige. Sehr schön, dass es Altmeister Frith und Klucevsek in die Liste geschafft haben. Vieles davon ist ja auch deutlich älter, aber eine Best-of-Liste an ein Jahr zu koppeln, ist eh fragwürdig, deswegen für diese Liberty einen Extrapoint aus Luckyland.´

    Und das Pago Libre-Stück macht für mich als Nichtmathematiker schon Sinn – 3×7= 21, okay und dann + 9 – klar, das ist dann 30. Nur wenn man das ganze so zusammen sieht, dann denkt man hä? 30 ist doch nicht 21, aber Pago Libre können wie sie wollen. Ich liebe diese Band, ich habe fast alle CD’s, auch diese.

    Und dann schafft es doch eine uralte ESP-Disk-Scheibe auf die Best-of-2025, einfach nur prima! Schön, auch dass die MusikerInnen nicht zu kurz kommen – das erinnert mich an die „Future Queens“, die Kai und ich und noch wer vor fast 20 Jahren auf Blogs zusammengestellt haben – spannende Musik von Frauen, die uns gefällt. Da wäre heute noch deutlich mehr dabei als damals.

    Liebe Grüße und schönen Dank fürs späte Ausgraben, portfuzzle!
    Lucky

    Antworten
    • portfuzzleBeitragsautor

      Danke Lucky. Gefunden, geärgert und online gestellt. Toll das Kai’s Empfehlungen immer noch ein Echo verursachen können!

      Antworten

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