Michael Mantlers „Coda“ oder das Ende des Komponierens

Auf seiner neuen Einspielung zelebriert der Trompeter den Abschied als Komponist. Im Porgy & Bess hört man ihn aber als Interpreten seiner selbst. Von Ljubiša Tošic.

Stempelt ein Komponist seine neueste Aufnahme mit dem Titel „Coda“, wirkt es wie ein zufälliger Verweis auf eine kleinen Bewohner der musikalische Formenlehre. Der Begriff meint ja jene angehängte Passage, die Stücke – elegische oder auch emphatisch vorheriges Themenmaterial bündelnd – als Nachschlag ausklingen lässt. Michael Mantler allerdings setzt den Begriff „Coda“ in einem unerbittlich programmatischen Sinne ein. Er wird nach dieser Sammlung von fünf Suiten nämlich gar nichts mehr komponieren: „Was zu sagen war, habe ich gesagt!“, ist sein diesbezüglich eindeutiges Statement.

Damit ist allerdings kein genereller Abschied aus der Musikwelt gemeint. Der aus Wien stammende Komponist und Trompeter findet, dass er zwar alles gesagt habe, jedoch nicht oft genug. Damit thematisiert Mantler das weitverbreitete Phänomen des Konzertwesens, das man „unerwünschte Einmaligkeit“ nennen könnte.

Nur einmal

Es ist leider fast eine Regel bei zeitgenössischer Musik: Stücke werden in Auftrag gegeben, werden uraufgeführt und landen statt im Repertoire in der gut gefüllten Abstellkammer der aktuellen Musikgeschichte. Bei Mantler, der einst Österreich verließ, um sich dem Jazz zu widmen („Die USA waren der Ort, an dem sich alles abspielte …“), hat dieses Uraufführungssyndrom mutmaßlich aber auch Zusatzgründe. Kompositorisch verbindet er ja Stile und Elemente, die ansonsten gerne getrennt von Veranstaltern gebucht werden.



© Der Standard, Musik, 12.8.2021

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: