„Müsli-Punks unter Disco-Kugeln“ 1978 – Pop, Paranoia und Praxis Von Harry Lachner !!!
1978. Keine Zeitenwende, keine Jahrestag-Ikone. Zwei Jahre zuvor hatte sich die Subkultur am Schockpotential der Punk-Bewegung erfreut. Anti war das neue Pro. Das selbstsicher skandierte „No Future!“ mochte jener Zeit ein utopisches Moment absprechen, doch allen zum Trotz liefen die Uhren weiter.
Von Harry Lachner
„Glaube daran, dass das Produktive nicht sesshaft ist, sondern nomadisch! “
Michel Foucault
Denn was als aufbrausender Widerstand gegen eine durchkommerzialisierte Pop-Industrie begann, fand sich 1978 bereits eingehegt in die Mechanismen der Vermarktung, wurde zum Spekulationsobjekt der Unterhaltungs- und Modeindustrie. Mit erstaunlicher Rasanz hatten sich die Zeichen ihrer ursprünglichen Bedeutung entleert, auch und vor allem jenseits der Popkultur: Mit der Geburt des ersten Retortenbabys fand sich die alte Gewissheit über den menschlichen Reproduktionsvorgang desavouiert; das Bild hunderter Leichen nach dem Massenselbstmord in Jonestown relativierte das Erlösungsversprechen jeder religiösen und esoterischen Praxis. Die Selbstgewissheiten jeder Form eines politischen Dogmatismus fanden sich nach dem „Deutschen Herbst“ erschüttert; Paranoiker im Untergrund wie im Staat brauchten noch ein paar Jahre, um nachzuziehen. Doch gebar just diese Sphäre bleierner Desillusionierung neue Formen alternativer Strategien: Beim „Treffen in TUNIX“ an der Berliner TU formten sich Gruppierungen, die politische Praxis anders definierten – undogmatisch, spontaneistisch, nomadisch. Die Gründung einer unabhängigen „tageszeitung“ wurde initiiert, Schwulen- und Lesbengruppen gegründet, ökologische Fragen diskutiert. Es war, wie einer der 15.000 Beteiligten sich erinnerte, „die Geburtsstunde der Alternativbewegung“. Ein Jahr also, das die Weichen gesellschaftspolitischer Entwicklung in der BRD so radikal (ver)stellte, wie es sich die Achtundsechziger vielleicht erträumt hatten – nur nicht in seiner produktiven Unübersichtlichkeit.
© Bayern 2, Nachtstudio, 5.12.2017