Musiktipps

Musikfilmmesse Avant Première „Wenn Jupiter aufs Motorrad steigt“ Von Max Nyffeler

Der Druck der Wokeness auf Opernhäuser und Filmfirmen wächst mehr und mehr. Doch die Wiener Musikfilmmesse Avant Première zeigt auch, welche Chancen der Markt bietet. Corona sorgt außerdem für mehr Flexibilität und Spontanität.

Die aus den westlichen Kulturmetropolen über das Internet in die Welt schwappenden Kampagnen um politische Kor­rektheit haben nun auch den Musikfilm erreicht. Das zeigte sich bei der diesjährigen Avant Première des Internationalen Musik- und Medienzentrums Wien (IMZ), die nun schon zum zweiten Mal nur online stattfand. In manchen der fast sechshundert Neuproduktionen aus fünf Kontinenten wurden Schwarze und Frauen demonstrativ in den Vordergrund ge­rückt. Besonders die kritikanfälligen Big Players wollen dem Vorwurf, eine Trutzburg der Kultur des weißen Manns zu sein, offensiv entgegentreten.

Deshalb hat nun die Metropolitan Opera in New York mit der 2019 in Saint Louis uraufgeführten Oper „Fire Shut Up in My Bones“ einen schwarzen Mann ins Zentrum ge­setzt. Der rasch verfilmte Dreiakter von Terence Blanchard wird vermarktet als ein Bühnenwerk, bei dem – mit Ausnahme des Dirigenten – alle sichtbaren Mitwirkenden Schwarze sind. Ob das psychologisch überfrachtete, musikalisch eher biedere Werk die aktuelle Konjunktur überleben wird, ist indes fraglich. Mit einem Werk wie Gershwins „Porgy and Bess“ ist es nicht vergleichbar.

Nun geraten auch Künstlerinnen in den Fokus, die, vom Mainstream wenig be­achtet, jahrzehntelang konsequent ihren Weg gegangen sind, wie die Dirigentin Marin Alsop oder die 1953 verstorbene Komponistin Florence Price. Solches Augenmerk auf bisher unterbelichtete Phänomene ist indes für die Musikfilmbranche nichts grundlegend Neues und charakteristisch für die Beweglichkeit der Akteure. Die meisten machen um Frau-, Schwarz- oder sonstwie Anderssein ohnehin kein Aufhebens. So etwa die neuseeländische Filmproduzentin Rebecca Tansley mit der Live-Aufzeichnung von Georg Friedrich Händels Oper „Semele“ in einer Kirche, wo Semele, die Braut, sich am Altar vom Bräutigam losreißt, dem unverhofft als Rocker auftauchenden Jupiter in die Arme fliegt und mit ihm auf dem Motorrad davonbraust. Eine frische Sicht von den Antipoden auf ein vernachlässigtes barockes Werk.




© FAZ, Feuilleton, 21.2.2022

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