NZZ: Nils Mönkemeyer zur Lage junger Musiker „Es findet gerade eine darwinsche Selektion statt“
Wie wirkt sich die Pandemie auf den künstlerischen Nachwuchs aus? Der gefeierte Bratschist Nils Mönkemeyer sieht eine „Generation Fragezeichen“ heranwachsen. Von Marco Frei.
Die These sorgte im Frühsommer 2020 für beträchtliche Aufregung: Kurz nach dem ersten Shutdown, der sich für die Kulturwelt in einen dauerhaften verwandelt hat, warnte der Tenor Jonas Kaufmann davor, dass die Auswirkungen der Krise für die Kultur in ihrem ganzen Ausmass erst viel später deutlich werden könnten. Konkret bestehe die Gefahr, dass im Musikleben in einigen Jahrzehnten der Nachwuchs fehle – weil sich viele junge Talente aufgrund der desolaten Aussichten für einen anderen Beruf entschieden.
Für Nils Mönkemeyer mutet diese These Kaufmanns realistisch, aber auch „ziemlich apokalyptisch“ an. „Es war noch nie besonders leicht, in der Profimusik gross zu werden. Es ist sehr hart gesagt, aber: Ich glaube, dass die Corona-Pandemie gegenwärtig das Mittelfeld wegsortiert. Es ist eine Art darwinsche Selektion, die gerade stattfindet. Das klingt brutal, und das ist es auch.“
„Kultureller Erdrutsch“
Mönkemeyer weiss, wovon er redet. Als einer der führenden Musiker seiner Generation ist er ausgesprochen breit aufgestellt und hat einen weiten Überblick. In Normalzeiten tourt der Wahlmünchner nicht nur als Solist und Kammermusiker durch die Klassikwelt, sondern ist auch als Veranstalter aktiv. Gemeinsam mit seinem Klavierpartner William Youn leitet er seit 2019 die „Insel-Konzerte“ auf Herrenchiemsee, sozusagen auf halber Strecke zwischen Salzburg und München. Zudem hat er in Zusammenarbeit mit der Caritas das Festival „Klassik für alle“ in Bonn entwickelt. Und nicht zuletzt ist Mönkemeyer ein allseits geschätzter Pädagoge.
© NZZ, Feuilleton, 10.3.2021