NZZ: Zum Ausklang des Beethoven-Gedenkjahrs 2020. „Er wird nie etwas Ordentliches machen!“
Ach ja, das Beethoven-Jahr. Man hätte ahnen können, dass daraus nichts Rechtes werden würde. Nicht allein wegen der elenden Pandemie (obgleich auch diese Zoonose, sagen die Forscher, seit langem vorhersehbar war). Vielmehr: wegen Beethoven selbst.
Von Christian Wildhagen
Hat man denn allen Ernstes geglaubt, dieser kantige und widerborstige Solitär, der seit gut zweihundert Jahren die Musikgeschichte überstrahlt, liesse sich so mir nichts, dir nichts von der Verwertungsmaschinerie unseres medialen Zeitalters vereinnahmen? Ausgerechnet er, der Unbequeme, der bevorzugt mit überlebten Konventionen brach?
Untypisches Wischiwaschi
«Er wird nie etwas Ordentliches machen!», schimpfte schon sein Lehrer Johann Georg Albrechtsberger, ohne zu wissen, wie sehr er damit Recht behalten sollte. Offenbar gilt der Satz auch für Gedenkjahre, denn irgendetwas geht immer schief bei Beethoven-Jubiläen. Das beginnt schon beim Anlass, dem Tag seiner Geburt, den man bis heute nicht mit Sicherheit benennen kann. Ersatzweise hält man sich an den 17. Dezember 1770, das belegte Datum der Taufe; aber solch Beethoven-untypisches Wischiwaschi sorgt sogleich für eine erste Dissonanz beim Feiern und Jubilieren.
© NZZ, Feuilleton, 13.12.2020