Radiotipps

Olga Neuwirth bei den „Donaueschinger Musiktage 2015“

Heute Abend 23.03 Uhr auf SWR 2

 

Olga Neuwirth: „Le Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie“

Ensemble intercontemporain
IRCAM
Gilbert Nouno (elektroakustische Realisation)
Leitung: Matthias Pintscher

(Konzert vom 18. Oktober im Bartók Saal der Donauhallen, Donaueschingen)

 

„… ein fiktionaler Abenteuerroman durch vielfältige Raumklangwirkungen hindurch“

Olga Neuwirth über ihre Komposition „Le Encantadas“

Tatsächlich ist meine intensive Beschäftigung mit Melville wichtig, die aber in einer doppelten Ernüchterung geendet hat. Da war das unvollendete Projekt meines Melville-Films Songs of the unleashed ocean: Das Drehbuch habe ich zwar fertiggestellt und bin dafür zu all jenen Orten in den USA gereist, an denen sich Melville aufgehalten hat, doch konnte der Film aus finanziellen Gründen dann doch nicht realisiert werden, obgleich die beiden wunderbaren englisch-amerikanischen Hauptdarsteller bereits zugesagt hatten. Dann gab es meine Hommage an Herman Melville, „The Outcast – A musicstallation-theater with Video“, die zwar 2012 aufgeführt wurde, aber aus unterschiedlichen Gründen äußerst unbefriedigend gewesen ist und ihrer wahren Premiere noch harrt. Die maritimen Anspielungen in sakralen Räumen hatten es mir angetan, so z. B. die Ähnlichkeiten zwischen der schiffsförmigen Kanzel in der Seamen‘s Bethel in New Bedford und lokalen venezianischen Eigenheiten in Kirchenräumen wie etwa dem erhöhten Chor namens barco oder den hölzernen Decken (zur Verbesserung der Akustik), genannt a carena di mare (in Form eines Schiffkiels). Alles ausgelöst durch meine Langzeit-Liebe für Architektur und Städte am Meer sowie die Unbegreifbarkeit des Meeres an sich. Mich hat das Thema „architettura e musica di Venezia“ umgetrieben und dass Jacopo Sansovino und Andrea Palladio viele musikalische Freunde hatten, mit denen sie akustische Probleme diskutierten, oder dass Leon Battista Alberti und Palladio auf Vitruvs Rat zurückgriffen, in ihren Kirchenbauten Gesimse bzw. Deckenleisten einzubauen, um die Akustik für Choraufführungen fasslicher zu machen. Aber im Besonderen bin ich dennoch bei Melville hängengeblieben, auch wegen seiner immer wieder auftauchenden Aufforderung zu Toleranz dem anderen, anderen Kulturkreisen gegenüber.

Ein weiterer zentraler Aspekt für „Le Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie“ ist meine weit zurückreichende Erfahrung mit der Stadt Venedig: Schon als Kind war ich sehr oft dort, und als Jugendliche bin ich immer wieder zur „Festa de l’Unità“ auf den Campo del Ghetto Nuovo gereist. Dazu kamen die Beschäftigung mit der Musik Nonos, aber auch die Erfahrungen, die ich während jener vier Jahre in Venedig gesammelt habe, als ich eine Wohnung unmittelbar hinter dem Ghetto hatte. Als 16-Jährige hatte ich 1984 zudem das Glück, eine Aufführung von Nonos Prometeo in der Chiesa di San Lorenzo miterleben zu können. Zu diesem persönlichen und breit gefächerten Material kommt dann noch die Idee des Nomadierens, des Reisens hinzu, die ich musikalisch als Reisen, als Wandern durch verschiedene Klanglandschaften beschreiben würde: Man zieht an verschiedenartigen Klangbildern, Klangwelten und Klangfarben vorbei, die mit bestimmten Bedeutungen oder Erinnerungen aufgeladen sind. „Einsame Inseln“ nicht als etwas geographisch Fixes, sondern vielmehr als imaginäre und mythologische Räume. All diese „Versuche mit Raumanordnungen“ gehen aber schon zurück auf die Jahre 1992/93, also den Beginn der Arbeit an Bählamms Fest, sowie auf meine Beschäftigung mit Surround-Sound und Surround-Videos in The Long Rain (1999) und unmittelbar danach in Lost Highway (2002/03) und … ce qui arrive … (2004), wo es um den musikalisch-visuellen U-Topos geht. Hierzu passt auch ein Zitat aus Melvilles The Encantadas: “[…] For those same islands seeming now and than, are not firme land, nor any certein wonne, but stragling plots which to and fro do ronne in the wide waters; therefore are they hight the Wandering Islands […]”