R.I.P. Für Vangelis (1943 – 2022)

„Der Bewahrer des Pathos“ Vangelis verlieh nicht nur Filmen wie „Blade Runner“ durch seine Kompositionen ihren unverwechselbaren Charakter, er war auch ein Vorreiter der New Classic. Ein Nachruf von Björn Hayer (Zeit Online).

Durch die Dunkelheit schimmert das Licht. Es stammt von den Fackeln all jener, die vom Land zum Hafen strömen und den Aufbruch wagen. Sie begeben sich auf den Weg in die neue Welt, angeleitet von Christoph Kolumbus. Dass diese Szene aus Ridley Scotts monumentalem Biopic 1492: Conquest of Paradise (1992) zu einem pathetischen Ereignis gerät, verdankt sie nicht nur der Beleuchtung, der enormen Statisterie und prunkvollen Requisite, sondern einem Mann, der am Dienstag verstarb, nämlich dem 1943 in Griechenland geborenen Vangelis. Sein Titelsong ging in die Geschichte ein: Schlagzeug und Synthesizer eröffnen das Lied, dann setzt der Chor zunächst summend ein, baut sich auf, geht zum Gesang über, bis es zu einer regelrechten Eruption der Klänge kommt und das Piano die Wucht wieder einfängt.



Ja, Evangelos Odysseas Papathanassiou, so lautete der bürgerliche Name des Musikers, beherrschte das Pathos und verhalf gerade als Filmkomponist vielen Leinwandklassikern zu ihrem feierlichen Charakter. Noch bekannter als die Zelebrierung des Reisebeginns des spanischen Weltentdeckers dürfte übrigens sein Hauptthema zu Hugh Hudsons Chariots of Fire von 1982 sein. Um schon zu Beginn des Werks den späteren Sieg zweier Sprintathleten bei den Olympischen Sommerspielen anzukündigen, baute Vangelis‘ Einleitungsstück eine akustische Siegertreppe auf. Wie in der Untermalung von Scotts Film nutzte er auch in dieser Hollywoodproduktion das Prinzip der fulminanten Steigerung. Erst vernehmen wir ein elektronisch erzeugtes Blasinstrument, dann übernimmt das Klavier. Die Töne mäandern zwischen Himmel und Erde, weiten sich ins Sphärische aus. Schon dafür gab es einen Oscar.



© Zeit Online, Kultur, Musik, 20.5.2022

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