R.I.P. Richard H. Kirk „Der Nicht-Musiker“ von Jens Balzer

Richard H. Kirk zeigte mit seiner Band Cabaret Voltaire, dass jeder Klang zu musikalischem Material werden kann. Das war revolutionär. Nun ist Kirk gestorben. Ein Nachruf.

Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle waren sehr wichtig für mich. Ihre Vorstellung von „Musik“ hat alles gesprengt, was ich bis dahin an Musik kannte. Kirk veröffentlichte auch auf Warp seine elektronische Musik. Ein Freigeist in jeglicher Beziehung ist gegangen. Danke für die Musik! Im Übrigen hat Jens Balzer hier einen sehr guten Text für Kirk geschrieben! ©radiohoerer


Sie hassten die Welt, sie hassten die Gesellschaft, sie hassten alle Kunst und auch die Musik. „Wir sind keine Musiker“, sagten Cabaret Voltaire über sich selbst, als sie 1973 in ihrer Heimatstadt Sheffield erstmals die Bühne betraten. Darum hatten sie auch keine Instrumente, jedenfalls nicht im überkommenen Sinn. Ihre Nicht-Musik bestand aus Geräuschen, die sie auf Tonbänder aufgenommen hatten und dann zu endlos sich drehenden Schlaufen verflochten und mit selbstgebauten Effektgeräten verhallten und verzerrten und manipulierten; dazu schickten sie aus einem wiederum selbstgebauten Oszillator sirrende und flirrende Sinuswellen in den Raum. Manchmal grundierten sie den Krach auch mit einem Rhythmus, etwa mit dem Geräusch eines Presslufthammers in einer Tonbandschleife. Später ließen sie auch mal eine einfache Rhythmusmaschine der Orgelfirma Farfisa vor sich hin tuckern – aber niemals wären sie auf die Idee gekommen, mit einem lebenden Schlagzeuger zusammenzuspielen. Denn wenn Cabaret Voltaire etwas noch mehr hassten als die Kunst und die Musik im Allgemeinen, dann war es die Idee der Rockband.



Richard H. Kirk, geboren 1956 in Sheffield, gründete Cabaret Voltaire im Alter von 17 Jahren. Er war im Arbeiterviertel der grauen Industriestadt mit ihren Eisenhütten und Stahlwerken aufgewachsen, sein Vater betätigte sich in der Kommunistischen Partei, auch Richard besuchte die Treffen der Young Communist League. Aber seine wahre Leidenschaft galt dem Dadaismus, der alle Kunst und Konventionen zertrümmernden Anti-Kunst von Hugo Ball, Emmy Hennings und Tristan Tzara. Darum nannte Kirk seine Band auch nach dem Theater, das Hennings und Ball 1916 in Zürich gründeten. Wie diesen ging es Kirk um die Schönheit und die Kraft der Zerstörung – und um die Erschaffung von Gesamtkunstwerken, in denen der sinnenverwirrende Sound der Musik sich mit sprachzerschreddernden Lautgedichten verband und mit allen Arten des moralischen Exzesses, „I’ll hold a séance with Moroccan rapists/Masturbating end over end„, hieß es etwa in dem frühen Stück Bedtime Stories, aber weil der Gesang genauso verhallt und verzerrt wurde wie der Rest der Nicht-Musik, war das ohnehin kaum zu verstehen.



© Zeit Online, Kultur, Musik, 21.9.2021

Danke, das Du meinen Beitrag kommentieren möchtest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: