Release Tipp: Fie Schouten – Open Space / Relative Pitch Records
Wie gehe ich mit improvisierter Musik um, in der es um ein französisches Buch von Georges Perec geht, das übersetzt „Träume von Räumen“ heißt und Pierre Baux spricht die Texte auch in der Originalsprache?
Fie Schouten: „Mit Open Space möchte ich auf sanft-aktivistische Weise vermitteln, dass ich mir wünsche, dass Menschen großzügig mit Raum umgehen und sich gegenseitig diesen Raum gönnen“, sagt Schouten und erklärt weiter, „Ich habe das Buch in verschiedenen Sprachen gelesen und es ist sehr aufschlussreich: Jede Sprache bringt andere Charakteristika zum Ausdruck.“
Über Perec’s Buch ist folgendes zu lesen: „Man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben.“ Vom leeren Blatt Papier über das Bett, die Treppe, die Wand, das Mietshaus, die Straße über das Land und die Welt ins Universum: Träume von Räumen durchmisst er spielerisch Raum und Räume, vom Allernächsten bis hin ins Fernste. Sogenannte praktische Übungen („Durchqueren Sie Paris, aber nur durch Straßen, in deren Name ein C vorkommt!“) unterbrechen die Anordnung mit federleichter Konkretheit, und sehr persönliche Miniaturen sorgen dafür, dass das Spiel niemals im Unverbindlichen verbleibt.
Für mich war die Lösung, mich voll und ganz auf den Klang und den Gestus von Musik und Sprache einzulassen. Schließlich kann ich kein Französisch. Und das hat ganz gut funktioniert. Es hat mir viel Freude bereitet, die Reaktionen untereinander und das gemeinsame Musizieren zu verfolgen. Zusammen mit der vielleicht deutschen Ausgabe von Georges Perecs Buch ist ein spannendes interaktives Hören möglich.

Improvisationen, die auf Texten des Buches „Espèces d’espaces/Species of Spaces“ von Georges Perec basieren und diese mit einbeziehen.
Im März erscheint das neue Album Open Space der Bassklarinettistin Fie Schouten und ihres internationalen Ensembles mit Vincent Courtois am Cello, Sofia Borges am Schlagzeug und dem Schauspieler Pierre Baux. Die improvisierte Musik auf diesem Album ist inspiriert und strukturiert nach dem legendären Buch „Espèces d’espaces“(Arten von Räumen) des französischen Schriftstellers Georges Perec aus dem Jahr 1974. Die musikalische Erzählung folgt den Kapiteln und der emotionalen Entwicklung des Buches. In mehreren Stücken sind Texte aus dem Buch zu hören, die vom französischen Schauspieler Pierre Baux vorgetragen werden.
In „Espèces d’espaces“ untersucht Georges Perec die Beziehung des Menschen zu alltäglichen und außergewöhnlichen Lebensräumen, wobei er jedes Mal eine andere räumliche Perspektive einnimmt. Durch Perecs Blick wird die Geborgenheit des Vertrauten und des Festgelegten weit weniger selbstverständlich. Die Leere, so ungreifbar sie auch sein mag, wird greifbar.
Die Kapitel des Buches befassen sich mit immer größeren Lebensräumen: vom Bett über das Zimmer, die Wohnung, das Wohnhaus, die Straße, die Stadt, das Land, die Welt bis hin zum Universum. Fie Schouten: „Spannend ist, dass Georges Perec ein aufmerksamer Beobachter ist. Man bekommt einen Einblick, wie er die Welt betrachtet. Gleichzeitig bringt er einen dazu, darüber nachzudenken, wie man selbst beobachten könnte.“

Auch Musik braucht im allgemeinen Raum, um sich zu entfalten. Sie verlangt nach Offenheit und ist somit eine Einladung. In der Welt zu sein bedeutet, sich mit dem Raum aus-einanderzusetzen – wie man ihn betritt und mit anderen teilt, eine ständige Suche nach Gleichgewicht. In Open Space beanspruchen die Ensemblemitglieder jeweils ihren eigenen Raum innerhalb der Improvisationen. Im Mittelpunkt stehen spontane, vom Text inspirierte Impulse, gefolgt von gegenseitigen Reaktionen. Es gibt eine vorgegebene Struktur, doch innerhalb dieser Struktur besteht viel Freiheit.

Die musikalische Erzählung folgt den Kapiteln des Buches. Gemeinsam mit Pierre Baux wählte Schouten Fragmente aus, um einen dramaturgischen Bogen mit kontrastierenden Elementen zu spannen: das horizontale Liegen auf einem Bett, das geschäftige Treiben auf der Straße, das Philosophieren in einem Café, wo der Brief „an sie“ noch immer ungeschrieben bleibt, bis hin zur Unermesslichkeit des Universums.
Durch die Wahl der Instrumentenkombinationen, die Auswahl bestimmter Klarinetten, die Gestaltung der Klangtexturen und den Einsatz von Harmonien werden die verschiedenen Räume mit ihrer jeweils eigenen emotionalen Ladung zum Leben erweckt. Die gesprochene Stimme erzählt die Geschichte in Worten und sorgt zudem für Artikulation und Tonhöhe; die Stimme ist ebenso Teil der Musik.
Schouten arbeitet seit mehreren Jahren mit dem lyrischen, französischen Cellisten Vincent Courtois zusammen. Ihr früheres Projekt und gleichnamiges Album VOSTOK Remote Islands (2023), ebenfalls von Literatur inspiriert, wurde von der Kritik hoch gelobt. Seit kurzem arbeitet Schouten mit der vielseitigen portugiesischen Perkussionistin Sofia Borges zusammen. Pierre Baux arbeitet seit über 20 Jahren mit Vincent Courtois zusammen und widmet sich der Erforschung der Beziehung zwischen Musik und Literatur. © Texte: Liner Notes