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Release Tipp: Sven-Ake Johansson & Alexander von Schlippenbach – Über Ursache und Wirkung der Meinungsverschiedenheiten beim Turmbau zu Babel / Trost Records

Wie gern wäre ich 1994 im Hebbel-Theater gewesen! Sven-Åke Johanssons Sprachschöpfungen in seinem eigenen gebrochenen deutschen Gestus schaffen immer wieder Momente der Irritation. Diese Brüche lassen zusammen mit der Musik eine seltsam vertraute und verdrehte Welt entstehen. Dass wir sie jetzt wieder hören dürfen, ist ein Geschenk. Genauso wie die üppige LP-Box.


Die „Wortgefechte“ zwischen Shelley Hirsch und Sven-Åke Johansson sind ein besonderes Ereignis und zeigen, das sich in den verschiedenen Aufführungen die Texte doch oft verändert haben. Insgesamt ein akustisches Erlebnis, das durch die zahlreichen Fotos gut nachvollziehbar wird.


Die Sterne am Himmel verblassen, wenn der Grosse Wagen nicht zu sehen ist. So ist es auch im Baugeschäft. Wenn der Bauwagen nicht in Erscheinung tritt, ist nicht viel von „Erbaulichem“ zu spüren. Heutzutage wird viel gebuddelt, um die Ecke, vor der Ecke, sogar noch auf der Ecke – wonach? Viele dieser Buddler verbringen einen langen Teil des Lebens, wenn es regnet oder schneit, in Umkleidephasen in den, meist in unmittlebarer der Baustellen aufgestellten, sogenannten Bauwagen der Firma Bilfinger & Berger, Bartel-Bau, Blobert & Hofgrefe usw. Unentwegt begleiten einen – in den Städten, Absperrungen, Umleitungen – Maschinen aller Farben und Grössen mit Sägezähnen oder Hebelvorrichtungen: ein unergründlicher, sich nie schliessender Kreis. Hier steht der Kreis nun als Ausgangsposition für Sänger, Instrumentalisten und Tänzerin, um eine Verwandschaft zu schaffen zwischen den Gegenständen der alleralltäglichsten Verhältnisse, zwischen Baumaschinen und Musikistrument ? – optisch. Klang und Geräusch sind anders: die tatsächliche Verwandschaft in der Modernen Musik zu unfreiwillig aufgenommenen Geräuschen des Strassenlärms, zu unterschiedlichen mechanischen Bewegungen der Maschinen, Fahrzeuge etc.?

Sven-Åke Johansson (Programmheft Hebbel-Theater 1994)


Selbst innerhalb des umfangreichen Oeuvres von Sven-Åke Johansson und Alexander von Schlippenbach, die beide für ihr innovatives Umdenken und die Erweiterung künstlerischer Kategorien bekannt sind, bleibt das dramatische Werk „… über Ursache und Wirkung der Meinungsverschiedenheiten beim Turmbau zu Babel“ ein einzigartiges und seltenes Rätsel: Was ist es eigentlich? Johansson hat es abwechselnd ein Musikdrama, eine Oper und ein Singspiel mit Umgebung genannt.


Aber es geht auch symbolisch um Babel, um die bekannte Geschichte der Mißverständnisse und Unstimmigkeiten, und um die interessante Frage, was das ist, woran die Menschheit immerzu baut. Unter einem azurblauen Himmel, wie man ihn hier selten zu sehen bekommt, werkeln seltsame Menschen. Nur der Typ im Blaumann gehört da richtig ins Bild. Eine Tänzerin (Regina Baumgart) mit Leggins in Bauarbeiterorange zieht ihre Kreise. Im Bauwagen selbst wohnt eine vornehme Dame, die manchmal merkwürdig gurgelnd und spitze Schreie ausstoßend herausgestürzt kommt. Ein Vertreter preist seine wurmstichigen Bretter an, und auf dem Gerüst sitzt hoch oben eine Harfenistin und spielt mit einem Cello im Duett, wie einst die singende Säge in „Delicatessen“. Nur der Baumeister erscheint nicht, und da ist es dann wieder wie im richtigen Leben. Einbezogen in diese absurde Handlung ist die Musik. Der schwedische Schlagzeuger Johansson ist Kenner der Baumaterie und ihrer musikalischen Verwendung. Schließlich hieß sein erstes Bühnenstück 1983 „Die Harke und der Spaten“ und handelte vom Liebesleben der Gartengeräte, „vom Einkauf bis zur Verschrottung“. Jetzt tritt an die Stelle des Gartenbaus die große Baustelle und erfüllt den Theaterraum mit Lärm und Geräusch. Das ganze Inventar wird ins Geschehen integriert und zum Musikmachen benutzt, zusammen mit Harfe und Cello, Schlagzeug, Klavier und Saxophon, aber auch experimenteller Stimme und Sprechgesang (Shelley Hirsch). Die Musik wird, analog zum Thema, zu einem vielschichtigen Gemisch. „Auf dem persischen Markt“ spielt eine Szene, und wie das Stimmengewirr dort verschlingen sich Klänge und Traditionen aus Ost und West, aus Free-Jazz und europäischer Moderne, populärer und experimenteller Musik. Dabei ist der Anteil der improvisierten Musik so hoch, daß alle drei Aufführungen an diesem Wochenende unterschiedlich sein werden.

Christine Hohmeyer/TAZ 1994


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