Richard Williams – thebluemoment.com über 4 ECM Releases
In den 55 Jahren seit der unbemerkt erfolgten Veröffentlichung des ersten ECM-Albums, Mal Waldrons „Free At Last“, hat Manfred Eichers Label weit über tausend Alben herausgebracht. Entgegen einer anfänglich zynischen Einschätzung klingen sie nicht alle gleich.
Sie zeichnen sich jedoch durch eine Reihe von musikalischen, ästhetischen und philosophischen Qualitäten aus, die in unterschiedlicher Ausprägung in fast jedem einzelnen Album zu finden sind. Diese Qualitäten lassen sich in vier ihrer jüngsten Veröffentlichungen erkennen, von denen jede eine bestimmte Eigenschaft auf höchstem Niveau verkörpert.
1 Vijay Iyer / Wadada Leo Smith: Defiant Life
Der traditionelle amerikanische Jazz spielt weiterhin eine zentrale Rolle im Repertoire von ECM. Smiths Trompete und Iyers Keyboards und Elektronik verweben sich zu faszinierenden Duetten, die unterschwellig von einem Sinn für Geschichte durchdrungen sind. Smiths „Floating River Requiem“ ist eine Hommage an Patrice Lumumba, den kongolesischen Unabhängigkeitsführer, der 1961 von Kolonialmächten ermordet wurde, während Iyers „Kite“ an Refaat Alareer erinnert, einen führenden palästinensischen Dichter, der Ende 2023 zusammen mit zwei Geschwistern und vier Neffen bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza getötet wurde. Trauer und Empörung sind in dieser Musik präsent, aber sie dient auch, wie Iyer sagt, als Bekenntnis zum „Glauben an die Möglichkeiten des Menschen“.
2 Anouar Brahem: After the Last Sky
Klänge aus aller Welt finden ihren Weg in die ECM-Matrix. Der tunesische Oud-Spieler und Komponist Anouar Brahem nahm vor 35 Jahren zum ersten Mal für das Label auf. Auf seinem neuesten Album wird er von drei Stammgästen des Hauses begleitet: der Cellistin Anja Lechner, dem Pianisten Django Bates und dem Bassisten Dave Holland. Der Titel des Albums ist einem Buch des verstorbenen Edward Said entlehnt und auch dieses Album ist geprägt von Reflexionen über das Leid der Menschen in Gaza in der jüngsten Vergangenheit und in der Geschichte, wie Adam Shatz in seinem schönen Begleittext beschreibt. Mit Geduld und Eleganz entfalten sich diese Quartettstücke, die Elemente aus arabischem Maqam, Jazz und europäischer Klassik verarbeiten, und sind voller Trauer.
3 Alexander Knaifel: Chapter Eight
Durch die Förderung eines breiten Publikums für die Werke des estnischen Komponisten Arvo Pärt über seine Nebenreihe New Series trug ECM maßgeblich zur Entstehung des Genres „heiliger Minimalismus“ bei. Alexander Knaifel (1943–2024), geboren in Taschkent, studierte in den 1960er Jahren in Moskau bei Rostropovich Cello, bevor er sich einen Namen als Komponist von Opern und Filmmusik machte. Als eine Art usbekischer Anthony Braxton schrieb er auch ein umfangreiches Stück für 17 Kontrabässe und ein weiteres für 35 javanische Gongs. Die Stücke auf diesem Album, gespielt von einem Ensemble aus drei lettischen Chören und dem Schweizer Cellisten Patrick Demenga, sind jedoch Vertonungen von Versen aus dem Hohelied Salomos. Unter der Leitung von Andres Mustonen erreichen sie mit großer Bedachtsamkeit die erforderliche meditative Glut mit sehr befriedigendem Ergebnis und nutzen dabei die akustische Resonanz der Jesuitenkirche in Luzern, wo sie 2009 aufgenommen wurden, voll aus.
4 Arve Henriksen / Trygve Seim / Anders Jormin / Markku Ounaskari: Arcanum
Die entscheidende Rolle, die ECM bei der Entstehung des nordischen Jazz gespielt hat, muss nicht extra erwähnt werden. Hier sind vier führende Musiker – der Trompeter Henriksen und der Saxophonist Seim aus Finnland, der Bassist Anders Jormin aus Schweden und der finnische Schlagzeuger Ouaskari – auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft, die Erinnerungen an Ornette Colemans Quartett als Ausgangspunkt nehmen, um Gespräche von großer Schönheit und Originalität zu entwickeln. Alle vier Alben sind hervorragend, aber dieses hier klingt für mich wie ein zukünftiger Klassiker.
© Alle Texte: Richard Williams, thebluemoment.com, 1.7.2025