Ry Cooder trifft Taj Mahal: die alten Männer und der ewig junge Blues. Von Christoph Wagner

Vom Mississippi-Delta nach Kuba und wieder zurück: Ry Cooder hat mit Taj Mahal nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder ein Album aufgenommen.

Als Bob Dylan noch ein junger, aufstrebender, aber völlig unbekannter Folksänger war, träumte er davon, einmal im «Ash Grove» aufzutreten, dem bekanntesten Folkklub von Los Angeles. Das ehemalige Möbelgeschäft in der Melrose Avenue war in den 1960er Jahren zu einem Hotspot der Subkultur geworden, wo die prominentesten Musiker aus Folk, Country und Blues auftraten.

Wenn schwarze Künstler wie Mississippi John Hurt, Lightnin’ Hopkins oder Muddy Waters auf dem Programm standen, platzierten sich die jungen Rockmusiker der Stadt in Sichtweite zur Bühne, um ihren Idolen genau auf die Finger zu schauen und ihnen ein paar Kniffe auf der Gitarre abzugucken.

Zwei Grünschnäbel

Als das Duo von Sonny Terry (Harmonika) und Brownie McGhee (Gitarre, Gesang) 1962 im «Ash Grove» spielte, sass auch ein 15-jähriger Hobbygitarrist in der ersten Reihe, den seine Mutter mit dem Auto zum Klub gefahren hatte. «Da führte ein hinkender Mann mit Kinderlähmung einen Blinden auf die Bühne», erinnert sich Ry Cooder heute. «Doch kaum fingen sie zu spielen an, war klar: Die spielten richtig gut!»




Kenner und Könner

Wenn es noch eines Beweises für die herausragende Musikalität von Ry Cooder und Taj Mahal bedurft hätte, wäre er ihnen mit dieser Einspielung gelungen. Das Album zeigt die beiden als Kenner und Könner. Obwohl mittlerweile selbst Veteranen, verneigen sie sich nochmals vor den Urvätern der schwarzen Musik mit Klängen, die durch ihre ungehobelte Robustheit und spielerische Lässigkeit doch zeitgemäss klingen.

© NZZ, Feuilleton, 28.4.2022,


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