Saedi: Balladen als Reflexionen in Blau
Auf ihrem Album „Token“ gießt die Wienerin Saedi 46 Jahre Lebenserfahrung in bewegende Balladen. Ein Porträt von Karl Fluch.
Die Ballade ist auf ihre Art eine Königsdisziplin. Sie muss erzählen können, Tiefgang und Erfahrung besitzen, sich Zeit nehmen, die Dinge ausformulieren. Wer schummelt, fliegt sofort auf, denn wenn eine Ballade nichts kann, macht sie bloß gähnen.
Die iranischstämmige Österreicherin Tania Saedi hat eben ihr zweites Album veröffentlicht. Es heißt knapp Token und ist, tiefgestapelt formuliert, ziemlich gelungen. Token ist eine Sammlung von Balladen, lässigen Schleichern, die lebenserfahren um die Ecke biegen. Dabei streift Saedi mit träger Eleganz den Jazz, überträgt Charakteristika des Trip-Hop ins Bandgefüge und verleibt das alles der Balladenform ein. Es ist eine intim produzierte Musik, aus der 46 Jahre Lebenserfahrung sprechen, die sich selbst nichts vormachen kann und will. Es sind „Reflections in blue“, wie das der Bluessänger Bobby Bland einst weise genannt hat. Am Mittwoch präsentiert sie Token live im Wiener Werk.
© DerStandard, 17.10.2022