Spin Musiktipp: David Torn – now i imagine a place not the same / Kou Records
Von Reed Jackson. Auf seinem neuesten Album, „now I imagine a place not the same“, arbeitet Torn allein, wie schon auf „Only Sky“ aus dem Jahr 2015. Doch während sich jenes exzellente Album auf Torns turbulente, auf Loops basierende Ambient-Klänge konzentrierte, stellt „imagine“ Torns Taktilität in den Vordergrund.
Torns reichhaltige Feedback-Atmosphären und Ozon-Schicht-Klänge sind nach wie vor präsent, aber sie sind nicht das A und O. Jetzt untermalen sie knorrige Melodielinien und experimentelle Akkorde. Torn war kürzlich Vorband der transzendentalen Drone-Künstler Sunn O))), und der langjährige Sunn-Mitarbeiter Randall Dunn produzierte „imagine“. Das Albumcover, das eine außerirdische Landschaft und eine leuchtende Tür zeigt, kosmische Songtitel wie „shapes of newborn warming stars“ und der Eröffnungstrack „ice-cold shock of illusion“, der lange, summende Töne und sorgfältig konturiertes Feedback enthält, deuten darauf hin, dass Torn sich der neuen Generation von Sechs-Saiten-Mystikern anschließen könnte, zu deren Inspiration er selbst beigetragen hat.
Doch „imagine“ ist weit mehr als der Beweis eines musikalischen Urvaters (Torn ist gerade 73 geworden), dass er mit der Zeit gehen kann. In elf nachdenklichen, explosiven, emotionalen Songs kartografiert Torn ganze Universen der E-Gitarre: trocken gezupfte, harmonische Pastoralstücke wie „Inconclusive“, bluesige, verzerrte Fugen wie „Its Own Dimension“, gespenstische Symphonien wie „When the Birds Flock ’Round My Head“. Manchmal scheint Torn auf Weggefährten Bezug zu nehmen – „The Road (Past the Beehive) to the River“ beschwört sowohl durch seinen Titel als auch durch die Atmosphäre einer bevorstehenden Offenbarung die unheilvollen Meditationen von Earth herauf, während das epische, elfminütige „Bones of Home, Fly East…“ das schwelende Knistern von Sleep aufweist, verlangsamt, ausgedehnt und aufgefüllt.
Neben seinem Solo- und Bandmaterial blickt Torn auf eine lange Karriere im Filmgeschäft zurück und hat die Musik für Filme wie Lars and the Real Girl und The Order komponiert. Er lässt sich von der detailreichen Weltgestaltung und dem präzisen Design des Kinos inspirieren und verwandelt seine abstrakten Improvisationen und fließenden Kompositionen in immer wieder überraschende, sich ständig weiterentwickelnde und schillernd vollständige Miniaturuniversen. Nach fast einem halben Jahrhundert Karriere zerlegt David Torn Dinge immer noch und erschafft aus ihnen Neues.
© Spin, 1.6.2026