Zeit Online: The Notwist „Se dschörmen singing Föjetong“von Daniel Gerhardt

Deutscher Pop auf Englisch – muss das denn so unbeholfen klingen? Wie es The Notwist, Tocotronic, Die Heiterkeit und Chuckamuck mit sprachlichem Selbstverständnis halten.

Zwei Dinge sind sofort klar, wenn Markus Acher seine Stimme erhebt. Eigentlich sollte dieser Mann nicht singen, und schon gar nicht auf Englisch. Zumindest nicht, wenn man gängige Kategorien anlegt. Aber warum sollte man das tun? Seit 30 Jahren ist Achers Band The Notwist eben für die ungängigen Kategorien in der deutschen Elektro-, Indie- und Art-Pop-Musik zuständig. Genauso lange singt Acher auch schon auf Englisch, mit Murmelstimme, Schluder-Th und eigenwilliger Syntax. Zur Gründerzeit von The Notwist war das Standard. Die Gruppe aus der oberbayerischen Kreisstadt Weilheim ist mit US-amerikanischem Hardcorepunk aufgewachsen. Unvorstellbar damals, solche Musik auf Deutsch zu machen.

„Rauskommen aus der Kleinstadt, aus Deutschland, aus Europa. Nicht mehr verortbar, ganz woanders und jemand anderes sein.“ Das sagt Acher, wenn man ihn fragt, warum er Ende der Achtzigerjahre entschied, englische Texte zu schreiben und zu singen. The Notwist haben sich diese Wünsche erfüllt und gleichzeitig nicht erfüllt. Alles hat die Band im Lauf der Jahre an ihrem Sound verändert, vieles auch in der deutschen Popmusik. Trotzdem ist sie immer in Weilheim geblieben und Acher hat immer an seiner Version des Englischen festgehalten. Das ist heute nicht mehr Standard, sondern Ausnahme. Wenn man Acher fragt, was sich da gewandelt haben könnte, sagt er, dass er gar nicht viel dazu sagen könne.

Etwas Ähnliches hatten auch Chuckamuck im Sinn, als sie ihr aktuelles Album Language Barrier aufgenommen haben. Die Berliner Punkband um den Sänger Oska Wald gibt es seit 2006, die Entscheidung fiel damals auf Deutsch als primäre Singsprache. „Wir fanden es zwar affig, sich Deutschlandfahnen ins Gesicht zu malen“, erinnert sich Wald. „Ansonsten haben wir uns aber keine Gedanken über so etwas gemacht. Und die englischen Texte deutscher Bands waren eben noch schlechter als die deutschen.“ Mit drei Alben haben Chuckamuck seitdem gezeigt, dass das Schnoddrige und Nuschelige, das Dirk von Lowtzow bei Dinosaur Jr. fand, auch auf Deutsch funktioniert. Wald ließ seine Stimme mit der Musik verschwimmen, er verstand seine Worte als weiteres Instrument im Bandgefüge.

„Vertigo Days“ von The Notwist ist erschienen bei Morr/Indigo. „Language Barrier“ von Chuckamuck ist erschienen bei Staatsakt/Bertus/Zebralution.

© Zeit Online, Kultur, Musik, 2.2.2021

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