UKJazznews Musiktipp: Steve Swallow – Winter Songs / ECM
Von Liam Noble. Steve Swallow ist ein bemerkenswert beständiger Komponist, da es in seiner Musik scheinbar immer um dasselbe geht, seltsam unausgewogen wie ein Uhrwerkspielzeug, das die glatte Effizienz digitaler Animationen unendlich weit hinter sich lässt.
Der erste Titel, „One“, scheint voranzuschreiten, bevor er in den letzten Takten seiner Sequenz in sich versinkt. Es scheint nie zu enden, wie bei Miles Davis am Ende von „All Of You“, doch dann wird uns plötzlich klar … wir bewegen uns doch, das sind die Akkorde aus dem Anfang. Und ohne eine Melodie, an der wir uns festhalten können, treiben wir irgendwie dahin, gefangen in einem Traum. Und so geht es weiter mit Titel Nummer zwei, „Two“. Und so weiter.
Diese Art von Akkordfolgen gehört im eher orthodoxen Kontext der „Standards“ zum Pflichtrepertoire an der Musikhochschule und wird – vielleicht gerade deshalb – selten geliebt. Steve Swallow liebt diese Sprache wirklich, sowohl ihre Logik als auch ihr Gefühl, und hier scheinen diese beiden Eigenschaften Hand in Hand zu gehen und uns den Charme und die Kraft einfacher Dinge wieder näherzubringen.
Manchmal, wenn ich kleine Kinder unterrichte und die Akkorde zu ihrer Melodie spiele, schaffen wir es bis zum Ende eines Stücks, und es gibt einen Moment, in dem alles zusammenkommt und die Musik wieder schön erscheint. Swallow fängt das für mich irgendwie ein, fügt diese Akkorde in sanft mäandernde Strukturen ein, in denen wir uns verloren fühlen und für einen Moment wieder Anfänger sind. Verloren, aber glücklich.
© UKJazznews, 21.6.2026