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UKJazznews: Orchestre National de Jazz – With Carla / Self Release

Von Jon Turney. Carla Bleys Kompositionen faszinierten andere Musiker oft schon zu Beginn ihrer langen Karriere. Doch ihr Tod im Jahr 2023 gab den Anstoß zu einer Neubewertung ihres bemerkenswerten Gesamtwerks. Und je tiefer man sich damit beschäftigt, desto deutlicher wird, dass ihr kompositorisches Vermächtnis eine reichhaltige, wenn auch anspruchsvolle Quelle ist.

Anspruchsvoll deshalb, weil es zwar viele markante Themen gibt, ihre Fähigkeiten als Arrangeurin und Orchestratorin jedoch mit Frische, Humor, Abenteuerlust, einer Art ernsthafter Respektlosigkeit und einer beeindruckenden Präsenz einhergingen, die dafür sorgten, dass ihre zahlreichen Bands ihre Werke auf möglichst lebendige Weise präsentierten.
Das Orchestre National de Jazz (vor 40 Jahren vom französischen Kulturministerium ins Leben gerufen: Träumt weiter, britische Jazzfans!) hat all dies verinnerlicht und die Messlatte noch höher gelegt, indem es Bley-Kompositionen ausgewählt und die Stücke der großen Arrangeurin neu arrangiert hat. Sie meistern diese Herausforderung hervorragend, und diese Live-Doppel-CD ist ein schönes Beispiel dafür, wie man den Jazz am Leben erhält – indem man sich den Meistern wieder zuwendet, aber etwas Eigenes hinzufügt.

Die Ergänzungen des Saxophonisten und Klarinettisten Rémi Sciuto nutzen die Instrumentierung – darunter Vibraphon und eine vierköpfige Streichergruppe –, um die hier vorgestellten Bley-Stücke, die größtenteils aus den 1970er- und 1980er-Jahren stammen, zu verzieren. Sciuto steuert zudem drei eigene, von Bley inspirierte Stücke bei, darunter ein Präludium zu Bleys Útviklingssang und eines, das als Ergänzung zu ihrem Ups and Downs geschrieben wurde.
Die Auswahl an Bley-Stücken geht über die oft gecoverten Klassiker hinaus – uns bleibt eine weitere Interpretation von Ida Lupino oder Sing Me Softly of the Blues erspart. Der breitere Blick reicht hier bis zu einem Fragment aus Tropic Appetites – komplett mit Gesang, wenn auch leider keiner, der an Julie Tippetts im Original heranreicht – und End of Vienna aus Fancy Chamber Music, das dem Orchestre besonders gut steht.
Die neuen Arrangements weisen viele reizvolle Details auf. Die Bearbeitung von Útviklingssang, einem ihrer einprägsamsten Stücke, veranschaulicht, was Scuito zu bieten hat. Sein Prelude geht nahtlos in Bleys Stück über, und das Solo-Cello hinter dem Altsaxophon unterstreicht die Schönheit ihrer Melodie. Ich ziehe zwar nach wie vor die von Bley und Charlie Hadens Liberation Music Orchestra auf Time/Life aufgenommene Version vor, doch diese hier kann sich durchaus sehen lassen. Besonders wirkungsvoll ist die Art und Weise, wie sich die Begleitung für ein späteres, ausgedehntes Altsaxophon-Solo (die Solisten werden nicht namentlich genannt) mit der Improvisation aufbaut. Insgesamt ist es schwer zu sagen, wie Bley auf diese Neuinterpretationen reagiert hätte, aber sie wirken größtenteils gelungen, auch wenn auf die Musik-Säge, die ein paar Mal zum Einsatz kommt, verzichtet werden könnte.

Bley schuf Arrangements, die ihre Lieblingssolisten hervorragend zur Geltung brachten, und davon gibt es hier reichlich. Die Flöte der derzeitigen Orchesterleiterin Sylvaine Hélary kommt im Eröffnungsstück „Musique Mécanique“ besonders gut zur Geltung. Doch es ist das Ensemble, das wirklich beeindruckt. Wenn sie sich durch die kniffligen Stop-and-Start-Passagen von Wrong Key Donkey, einem Highlight des Albums, schwingen, ist der Effekt mitreißend. Sie spielen dieses Stück nicht einfach nur: Sie machen es sich zu eigen. Im Anschluss an diese Veröffentlichung hat das Orchester bis zum nächsten Frühjahr eine Reihe von Auftritten in Frankreich. Kann sie bitte jemand nach London holen?

© UKJazznews, 10.6.2026

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