UKJazznews: Orchestre National de Jazz – With Carla / Self Release
Von Jon Turney. Carla Bleys Kompositionen faszinierten andere Musiker oft schon zu Beginn ihrer langen Karriere. Doch ihr Tod im Jahr 2023 gab den Anstoß zu einer Neubewertung ihres bemerkenswerten Gesamtwerks. Und je tiefer man sich damit beschäftigt, desto deutlicher wird, dass ihr kompositorisches Vermächtnis eine reichhaltige, wenn auch anspruchsvolle Quelle ist.
Anspruchsvoll deshalb, weil es zwar viele markante Themen gibt, ihre Fähigkeiten als Arrangeurin und Orchestratorin jedoch mit Frische, Humor, Abenteuerlust, einer Art ernsthafter Respektlosigkeit und einer beeindruckenden Präsenz einhergingen, die dafür sorgten, dass ihre zahlreichen Bands ihre Werke auf möglichst lebendige Weise präsentierten.
Das Orchestre National de Jazz (vor 40 Jahren vom französischen Kulturministerium ins Leben gerufen: Träumt weiter, britische Jazzfans!) hat all dies verinnerlicht und die Messlatte noch höher gelegt, indem es Bley-Kompositionen ausgewählt und die Stücke der großen Arrangeurin neu arrangiert hat. Sie meistern diese Herausforderung hervorragend, und diese Live-Doppel-CD ist ein schönes Beispiel dafür, wie man den Jazz am Leben erhält – indem man sich den Meistern wieder zuwendet, aber etwas Eigenes hinzufügt.
Bley schuf Arrangements, die ihre Lieblingssolisten hervorragend zur Geltung brachten, und davon gibt es hier reichlich. Die Flöte der derzeitigen Orchesterleiterin Sylvaine Hélary kommt im Eröffnungsstück „Musique Mécanique“ besonders gut zur Geltung. Doch es ist das Ensemble, das wirklich beeindruckt. Wenn sie sich durch die kniffligen Stop-and-Start-Passagen von Wrong Key Donkey, einem Highlight des Albums, schwingen, ist der Effekt mitreißend. Sie spielen dieses Stück nicht einfach nur: Sie machen es sich zu eigen. Im Anschluss an diese Veröffentlichung hat das Orchester bis zum nächsten Frühjahr eine Reihe von Auftritten in Frankreich. Kann sie bitte jemand nach London holen?
© UKJazznews, 10.6.2026