Musiktipps

„Zum Hören verführt“ Bundes-Preis für Münchner Plattenladen: Optimal Records

Laut Walter Meier (danke für den Tipp) haben nicht nur er, sondern auch viele aus dem Bayern 2 Zündfunk-Team dort ihre Platten bei Christos Davidopoulos und seinem Team gekauft. Jetzt hat Optimal Records den Bundes-Preis „Emil“ bekommen. Ein Beitrag von Michael Zirnstein (SZ).

Optimal Records hat den „Emil“ der Bundeskulturministerin als eines der besten Vinyl-Geschäfte Deutschlands erhalten. Eine wichtige Anerkennung – aber kein Schutz vor Gentrifizierung.


(Foto: Christan Rothe)

Manche Auszeichnungen kommen unerwartet. Etwa jener Ritterschlag, den Thurston Moore von Sonic Youth dem Münchner Plattenladen Optimal Records erteilte. Als er nämlich im Radiointerview mit dem „Zündfunk“ sagte: Jedes Mal, wenn er in München einen Auftritt habe, müsse er zu Optimal gehen. „Ich werde hinkriechen. Ich werde dorthin rennen, ich werde hinskateboarden, ich werde hinsurfen, ich werde hinfliegen, ich werde hinparagliden.“ Und wenn er wegen Konzertvorbereitungsdingen eigentlich keine Zeit habe, würden ihm die freundlichen Mitarbeiter seines bevorzugten bayerischen Vinyl-Dealers eben in den frühen Morgenstunden die Türen aufsperren.



Solch Lob einer Independent-Rock-Legende in der wichtigsten bayerischen Pop-Kultur-Sendung sagt viel über die symbiotischen Verflechtungen dieses Geschäftes im Münchner Glockenbachviertel aus. Das wurde jüngst – für Insider mehr als verdient und erwartet – mit dem „Emil“ ausgezeichnet. Mit dem von Bundeskulturministerin Claudia Roth erstmals vergebenen Preis für die besten Schallplattenfachgeschäfte in Deutschland. Denn die seien „wichtige soziale Orte“ und hätten immense „Bedeutung für die kulturelle Vielfalt und Bildung“ und für die Existenzgrundlage der Musiker und Musikerinnen.

„Das ist schon eine Anerkennung für die Arbeit all die Jahre, in Leidenschaft und Selbstausbeutung“, sagt Inhaber Peter Wacha. Man kennt ihn als Upstart. Club- und DJ-Legende. Zusammen mit Christos Davidopoulos – Verkäufer-Legende – steht er vor seinem Laden in der Kolosseumstraße 6. Zum ersten Mal schaut er auf die Plakette neben der Tür, die ihnen Roth zusammen mit einer Scheibe aus Bio-Vinyl (A-Seite: „Jumpin’ At The Record Store“; B-Seite „O Mr. Soldier Man“, eine Originalaufnahme des Grammofon-Erfinders Emil Berliner) bei der Preisverleihung in Köln aushändigte. Die prämierten Läden stehen drauf, etwa „Bebop Schallplatten“ in Rosenheim. Und eben „Echt Optimal“. Upstart freut sich über das Gütesiegel: „Ausgezeichneter Ort der Kultur“.

Ja, Plattenläden können Kultur sein. Wer das nicht weiß, hat Nick Hornbys Vinyl-Kultur-Hymne „High Fidelity“ nie gelesen, oder die daraus entstandene aktuelle Streaming-Serie mit Lenny-Kravitz-Tochter Zoë nie gesehen, oder eben das Optimal nie betreten. „Endlich werden wir akzeptiert, nach 42 Jahren“, sagt Upstart und lächelt verschmitzt, „endlich sieht man uns nicht mehr auf einer Stufe mit Nagelstudios“. Mit 3500 D-Mark reiste er 1981 zur Platten-Laden-Keimzelle Rough Trade nach London, durchstöberte eine Woche lang deren Lager, und was er mitbrachte, war der Grundstock für das Ur-Optimal in einem Kabuff an der Hans-Sachs-Straße.

Heute hinter drei Panorama-Schaufenstern in einem hübsch-hässlichen Wohnhaus ist mehr Platz, eng ist es immer noch. An diesem Donnerstagabend steigen etwa acht Kunden über Kartons der neuen Lieferung, blättern sich durch unzählige Fächer mit der begehrten Ware, hören Platten Probe. Der typische Kunde sei männlich, sagt Davidopoulos, auch wenn mehr und mehr Frauen, gerade junge, kämen. Der Kulturpass habe da viel bewirkt – die 18-Jährigen investieren die von Kulturministerium geschenkten 100 Euro gerne in LPs, Bücher und Konzertkarten (all das hat Optimal im Angebot).

Es läuft also gar nicht schlecht. Aber dennoch kann Upstart die 15 000 Euro Preisgeld gebrauchen: Jetzt könne man sich Kosmetik für die Homepage leisten, und es gibt Gratifikationen für die Mitarbeiter, die das wichtigste Kapital hier sind: Jasmin, Sigi, Justin und Christos lieben und leben Musik, sie sind alle DJs, wie auch die Gründer Peter Wacha und Peter Blaha. „Was wir toll finden, geben wir an die Kunden weiter“, sagt Davidopoulos, der vor 45 Jahren zum Physikstudium nach München kam und als Stammkunde im Optimal bald die Seite des Tresens wechselte. Er berät hier nicht, er verführt. „Normalerweise kommst du mit Wunsch A und gehst mit Platte B und C“, sagt er. „Musik muss in die Stadt fließen.“

Aber ist der analoge Fluss nicht am Versiegen – wenn alle streamen, wozu dann noch Plattengeschäfte fördern? „Unsere Algorithmen sind die Menschen“, sagt Upstart, „hier kannst du in komplett andere Soundwelten abtauchen.“ Es fing in der „Sturm und Drang“-Phase von Punk und Wave und Dub-Reggae an, Hip-Hop kam dazu, Techno in seinen Spielarten, längst haben sie Raritäten und Avantgarde aus aller Welt, von denen Spotify nie etwas gehört hat.

Aber Musikvertrieb ist nicht das Wichtigste. Das Optimal sei ein „Meetingpoint für alle Aktiven“, eine Informationsquelle und Anlaufstelle, sagt Upstart. Er und sein Team sind mehr als Verkäufer, sie sind Kulturschaffende. Von Anfang an haben Sie in enger Partnerschaft mit Münchner Verlagen „In-Store“-Konzerte mit Künstlern von FSK über The Notwist und Michael Hurley bis La Brass Banda und Lesungen mit Autoren von Wolf Wondratschek bis Thomas Meinecke veranstaltet.

Letztlich entstanden so auch mit Upstart verbundene Labels wie Chicks On Speed Records, Sub Up und Disco B. Sowie Clubs wie das Ultraschall oder die Rote Sonne, die vor drei Jahren – auch vom Bundeskunstministerium – als bester Club Deutschlands ausgezeichnet wurde und jüngst von der Staatsregierung als bester Club Bayerns. Solche Preise böten allerdings keinen Schutz vor Gentrifizierung, sagt Peter Wacha, „über allen kulturellen Orten hängt ein Damoklesschwert, die Vermieter könnten uns jederzeit kündigen“. Musikclubs immerhin sollen – so will es der Bundestag – bald besser geschützt werden. Für freigeistige Plattenläden hingegen ist es noch ein weiter Weg, aber auch der wäre nötig, findet Upstart: „Wir können Jugendarbeit machen, die Leute wegziehen von Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz. Musik ist ein Mittel des gesellschaftlichen Friedens.“

(Visited 97 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.