300 Jahre „Wohltemperiertes Klavier“ von Johann Sebastian Bach

Mit Bach im Knast. Das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach wird in diesem Jahr 300 Jahre alt. Gefeiert wird das nicht überall – und teils hinter Gitterstäben. Von Henrik Oerding.

Dafür, dass hier das alte Testament entstanden sein soll, wirkt der kleine Raum so gar nicht sakral. Quadratisch ist er, etwa viereinhalb Meter zu jeder Seite, und, bei allem Respekt, ein bisschen heruntergekommen. Roter Filz der Kategorie „Behörde“ bedeckt Teile des Holzfußbodens, dahinter zwei rotumrahmte Fenster in gelb gemalten Wänden, rechteckige Einschnitte lassen den nackten Stein erkennen. Eine einsame Glühbirne baumelt an der Decke, in der Ecke gibt ein Loch die Sicht auf ein paar Balken frei, irgendwo darüber gurrt eine Taube.



Und hier soll es entstanden sein? Es geht schließlich um ein Werk von nationaler Tragweite, von größter Bedeutung für Musikgeschichte, -theorie und -praxis. Um ein 300 Jahre altes Lehrbuch, dem auch heute noch kaum ein klassischer Pianist absprechen würde, dass es eben das „Alte Testament“ der Klaviermusik sei, wie der Dirigent Hans von Bülow meinte. Natürlich, sicher ist es nicht, was ist nach 300 Jahren schon sicher, aber dieser karge Raum in der alten Bastille in Weimar könnte sie sein, die Geburtsstube von Johann Sebastian Bachs Das Wohltemperierte Klavier.



© Zeit Online, Kultur, 4.7.2022

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