70/80 Ritual Musik Theater (5/5): Per Nørgårds „Siddhartha“
Die zu Ende gehenden 1970er-Jahre: die Technokratie der Musik durch die serielle Methode in der Sackgasse, die utopischen Hoffnungen der elektronischen Musik unerfüllt, der Zufall zur postmodernen Beliebigkeit verfallend.
Von Björn Gottstein
Aus diesem Dilemma suchen so unterschiedliche Komponisten wie Wolfgang Rihm, Olivier Messiaen, Luigi Nono, Harrison Birtwistle und Per Nørgård einen Ausweg. Völlig unabhängig voneinander suchen sie zeitgleich die musikalische Authentizität in der Verbindung von Ritual, Musik und Theater. Es ist der unterbewusste Link höchst unterschiedlicher Konzeptionen, die alle Ausdruck einer musikalischen Zeitenwende sind.
Das Opern-Ballett ist eigentlich eine barocke Angelegenheit, Jean-Philippe Rameau ihr Großmeister. Als Per Nørgård von 1974 bis 1979 an seinem Musiktheater „Siddhartha“ arbeitete, dachte er sich zwar ein solches Opern-Ballett aus, keineswegs aber mit imitatorischer, gar neoklassizistischer Absicht. Die Tänze dieser Geschichte Buddhas, der vor der Erleuchtung den Namen Siddharta Gautama trägt, sind Ritualtänze, die die charakterlichen Wandlungen reflektieren. Zeit und Lebenszeit sind symbolisch auf die drei Akte verteilt und relativieren diese als ordnende Einteilung: Morgen, Mittag und Abend sind die drei Akte überschrieben.
© SWR 2, Jetztmusik, 1.7.2019