„Wittener Tage für neue Kammermusik 2017“ Die 4 Konzerte vom 6.5.2017
Sie zählen zu den bedeutenden musikalischen Ereignissen in NRW: die Wittener Tage für neue Kammermusik.
Bereits zum 49. Mal haben Liebhaber zeitgenössischer Musik seit Freitag (05.05.2017) die Gelegenheit, neue und bislang ungehörte Werke zu erleben und besondere Kleinode der Stadt Witten zu entdecken.
Witten 2017 [3] Meta-Instrumente
Um Meta-Instrumente geht es in den Novitäten, die das Ensemble Orchestre Contemporain aus Lyon im dritten Wittener Konzert zu Gehör bringt. Das Ensemble gastiert zum ersten Mal in Witten.
Malika Kishino beschäftigt sich in ihrem Stück intensiv mit Farben und deren Mischung, um „eine magisch-leuchtende Landschaft“ zu erzeugen. Sie bündelt dazu die Holzblasinstrumente zu einer Art Meta-Instrument. Das geschieht mithilfe von Streuung und Reflexion bestimmter Frequenzanteile, aber auch durch Mehrklänge, die die Harmonik des Stücks quasi „instrumentieren“. Clara Iannotta konzentriert sich in ihrem Klavierkammerkonzert „auf das Spiel mit nicht genuin pianistischen Eigenschaften“. Der Pianist spielt dabei meist im Klavier-Innern. Konzertant ist auch der Ansatz von Ondřej Adámek. Der tschechische Komponist hat – auf der Suche nach neuen Klängen – ein ganz neuartiges Instrument entwickelt, die Airmachine, die die „dynamische Potenz und Vielfalt“ einer Bläserformation besitzt und die hier mit fast szenischer Spielfreude zum Einsatz kommt.
Clara Iannotta
Paw-marks in wet cement für Klavier und Ensemble, Uraufführung der
Neufassung
Malika Kishino
Ochres II für Ensemble, Uraufführung
Ondrej Adámek
Conséquences particulièrement blanches ou noires – concerto für
Airmachine und Ensemble, Uraufführung der Neufassung
Wilhem Latchoumia, Klavier; Roméo Monteiro, Airmachine; Ensemble Orchestral Contemporain, Leitung: Daniel Kawka
Witten 2017: Hammerteich-Musik
Eine Reportage mit Ausschnitten aus Arbeiten von Gordon Kampe, Jens-Uwe Dyffort/Roswitha von den Driesch, Barblina Meierhans, Cathy van Eck, Thomas Taxus Beck.
Witten 2017: Hammerteich-Musik [1]
Die Wittener Kammermusiktage führen auch 2017 das Publikum wieder aus den Konzertsälen hinaus ins Grüne. Eine mehrteilige Freiluftmusik, mit Klangkunstarbeiten und Performances, erkundet diesmal den Hammerteich. Der kleine See ist nicht weit vom Wittener Zentrum gelegen, umsäumt von Wald und Uferwegen. Ein „trügerisches Idyll“, denn auch hier gibt es eine industrielle Vorgeschichte, die dem Besucher auf den ersten Blick verborgen bleibt. Die Spuren und Reste der ehemaligen Nutzung sind fast vollständig verschwunden, längst überwachsen und renaturalisiert. Die Gegensätze zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Industrie und Natur, früherer gewerblicher Nutzung und heutiger Freizeitgestaltung bestimmen natürlich auch die Kompositionen und Klangkunstarbeiten von Gordon Kampe, Jens-Uwe Dyffort/Roswitha von den Driesch, Barblina Meierhans, Cathy van Eck und Thomas Taxus Beck, die alle maßgeschneidert, eigens für diesen Ort entstanden sind und die hier in einer Reportage vorgestellt werden.
Witten 2017: Hammerteich-Musik [2]
Die Wittener Outdoor Aktivitäten fokussieren diesmal den Hammerteich. Das idyllische Gewässer wurde im 18. Jahrhundert als Stausee angelegt und diente einst dazu, ein Hammerwerk anzutreiben, das längst geschlossen wurde. Heute schwimmen dort Enten und Modellboote… Mehrere Klangkunstarbeiten und Performances gehen auf die Gegensätze ein, wie sie die Geschichte und Gegenwart dieses Ortes prägen. Gordon Kampe arbeitet mit Wittener Chören. Erzählt werden hier Geschichten von „Begegnungen in der Region“, die in Bäumen, im Unterholz oder auf Booten zu hören sind und die sich zu Chorstücken verdichten. Auch Barblina Meierhans will den „Resonanzraum an der Wasseroberfläche“ erfahrbar zu machen. Klanginstallationen steuern Cathy van Eck, Thomas Taxus Beck und Jens-Uwe Dyffort/Roswitha von den Driesch bei. Sie beziehen industrielle Klänge mit ein oder, wie Dyffort/Driesch, technische Verfahren, die in der ehemaligen Fabrik am Hammerteich einst verwendet wurden.
Moderation: Martina Seeber
Redaktion: Harry Vogt
Wittener Tage für neue Kammermusik 2017: Dialog. Porträt
Im Gesprächskonzert gibt Nicolaus A. Huber, der 2017 im Fokus des Festivals steht, Auskunft über sein Leben und Werk. Dazu werden Solostücken aus den Jahren 1962 bis 2012 gespielt, in denen die Entwicklung des Komponisten über ein halbes Jahrhundert hinweg deutlich wird.
Die lakonisch kurze „Musik für Violine alleine“ (1962) konzentriert sich in sechs Sätzen auf die Parameter jeweils eines einzigen Tons. Das Posaunensolo „Presente“ (1979) geht von „musikalischen Allgemeinplätzen“ aus, die für die ganze Komposition strukturbildend werden. „Aus dem Allgemeinplatz wird etwas, das die Allgemeinheit angeht und fordert“. „… in die Stille“ (1998) für Violoncello solo fordert dem Interpreten feinste Töne und Klänge bis zum siebenfachen Piano ab, als „schwebende Präsenz einer Beinahe-Lautlosigkeit.“ In „Erosfragmente“ (2012) für einen Schlagzeuger kommen 18 Klangschalen, ein Toy Piano und weitere Zusatzinstrumente zum Einsatz. Dabei entsteht eine stets sich verändernde, vibrierende Harmonik an der Oberfläche der Klanggestalt.
Nicolaus A. Huber
Musik für Violine alleine / Presente für Posaune / … in die Stille für
Violoncello / Erosfragmente für 18 Klangschalen, Toy-Piano und weitere
Zusatzinstrumente
Jagdish Mistry, Violine; Uwe Dierksen, Posaune; Michael M. Kasper, Violoncello; Rainer Römer, Schlagzeug
Witten 2017 [4] Geometrische Pfade
Im vierten Konzert der Wittener Tage für Neue Kammermusik spielt der Raum eine wichtige Rolle: die Aula der Blote-Vogel-Schule, die in neuen Werken von Rand Steiger, Milica Djordjević und Martin Grütter ausgeleuchtet wird.
Eine ausgefeilte Raumklang-Disposition prägt das Werk von Rand Steiger. Raumklangeffekte, die der Amerikaner üblicherweise mit Hilfe der Elektronik erreicht, werden hier durch Positionierung der Streicher im Saal und um das Publikum herum erzeugt. Dabei sendet der im Zentrum stehende Primarius „Provokationen“ aus, die von den übrigen Musikern aufgegriffen und transformiert werden. Milica Djordjević verbindet zwei selbstständige Streichquartette zum Doppelquartett. Dabei agieren die beiden Formationen vis-à-vis im Raum, spielen einander in wechselnden Zweier- und Viererbeziehungen die Bälle zu. Martin Grütter befasst sich mit Fernwirkungen; er postiert die lautesten Instrumente in der Ferne, die leiseren näher, kombiniert diffuse und klar lokalisierbare Klänge. Auf diese Weise werden Hierarchie und Wirkungsmacht der Instrumente gezielt untergraben oder in Schieflage gebracht.
Milica Djordjevic
Neues Werk für Doppelquartett, Uraufführung
Rand Steiger
Undone for spatial string octet, Uraufführung
Martin Grütter
Die Häutung des Himmels für 7 Instrumente, Uraufführung
Arditti String Quartet; JACK Quartet; Ensemble Modern, Leitung: Brad Lubman