FAZ: „Schwermütige Musik“ Melancholie als Trendstimmung Von Rasmus Peters
Von Billie Eilish, Max Richter, Ludovico Einaudi bis Nils Frahm: Die Musik, die wir hören, spricht in ihrer Schwermut von der Überforderung und der Zukunftsangst unserer Zeit.
Aus dem Summen wird ein Singen. Die Lippen bleiben reglos. Die Kombination von Bild und Ton irritiert, lässt die Stimme fremd wirken. Der Gesang zwischen Hauchen und Flüstern verdunkelt die Wörter. Äußerungen in der Schwebe, vielmehr eine Suche als ein Finden. Im Musikclip zu „When the Party’s over“ sitzt Billie Eilish wie ein zynisches Sinnbild ihres Songtitels weißgekleidet in einer weißen Leere und blickt apathisch auf ein Glas schwarzer Flüssigkeit, den Kopf schwermütig dem Boden zugewandt. Dann trinkt sie. Schluck für Schluck rinnt das Schwarz in ihren Körper. Jetzt blickt sie den Zuschauer an. Aus ihren Tränenkanälen quillt das Schwarz über ihr Gesicht auf den Boden. Melancholie als Exzess.
Billie Eilishs Musik steht nicht allein. Musiker wie Lana Del Rey und Bands wie Radiohead oder Coldplay sind enorm populär und spielen Musik mit melancholischem Einschlag. Auch in der sogenannten Neo-Klassik um Max Richter, Ludovico Einaudi, Ólafur Arnalds oder Nils Frahm klingt vordergründig eine verträumte Melancholie, ebenso in Gegenwartsphänomenen wie Post-Rock oder Cloud-Rap. Als weitere Gestalt dieses Gefühls inszeniert sich Taylor Swift auf dem Cover ihrer letzten Veröffentlichung „Evermore“ allein im blätterlosen Wald. Knochengleich ragen die Äste ins Nichts. Am Boden stehen die Pflanzen in letzter Blüte, ehe ihre Stiele verwittern. Die Sängerin hüllt sich in einen zu großen Mantel, kariert, mit gedeckten Farben. Er hält den Herbst gefangen, der schon in den Winter übergehen will. Der Mantel hält sie warm und die Kälte ab.
© FAZ, Feuilleton, 2.2.2021