„Staub im Mund“ zum 25. Todestag von Townes Van Zandt von Berthold Seliger
»Townes Van Zandt is the best damn songwriter in the whole world, and I’ll stand on Bob Dylan’s coffee table in my cowboy boots and say that.« Townes Van Zandt sei der beste Songwriter auf der Welt, und er würde sich in seinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Couchtisch stellen und das behaupten, sagte der Singer/Songwriter Steve Earle, selbst einer der Großen dieses Genres.
Townes, auf diese Lobhudelei angesprochen, meinte trocken: »Ich bin Bob Dylan und seinen Bodyguards begegnet, und ich glaube nicht, dass Steve auch nur in die Nähe von Bob Dylans Couchtisch kommen würde …«
Im Billboard-Magazin, der Bibel der US-amerikanischen Musikindustrie, wurde Townes Van Zandt als der »Van Gogh der Lyrics« bezeichnet. Nun ja. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser gutgemeinte Vergleich die Kunst des Townes Van Zandt tatsächlich trifft. Ich denke eher an Mozart, dessen »Einfachheit« (im Sinne des »Einfachen, das schwer zu machen ist«, wie Brecht in seinem Stück »Die Mutter« über den Kommunismus schrieb) sich auch in einigen von Townes’ Songs findet, etwa in »If I Needed You«:
»If I needed you
Would you come to me,
Would you come to me,
And ease my pain?«
So lauten die simplen und doch (oder gerade deswegen) so einprägsamen ersten vier Zeilen dieses Liedes, und nach der großen Terz auf dem Grundton dieser Melodie hören wir auf der ersten Silbe des »nee-ded« einen sehnsuchtsvollen, kleinen Seufzer….
© Junge Welt, 31.1.2022