„Rückwärts träumen“ Bill Callahans neues Album „Reality“
Bill Callahan ist einer der kryptischsten Geschichtenerzähler im Folkgeschäft. Auf seinem Album „Reality“ dreht er die Wirklichkeit zu Lärm und Kammermusik auf links. Von Albert Koch.
Was ist ein Singer/Songwriter? Man könnte ihn als männlichen Künstler definieren, der eine sehr traditionelle Kunstform pflegt. Sein Publikum ist ebenfalls männlich, zumindest überwiegend, und wünscht ausdrücklich keine Innovationen vom Singer/Songwriter. Alles möge bitte beim Alten bleiben und der Künstler mit jedem neuen Album mehr desselben bieten. Nach dieser vielleicht ein bisschen ungerechten Definition wäre Bill Callahan kein Singer/Songwriter.
Das neue Album des 56-jährigen Musikers aus dem US-Bundesstaat Maryland heißt Ytilaer, das Wort Reality rückwärts geschrieben und auf dem Albumcover in Spiegelschrift dargestellt. Dieses Doppelspiel mit den Buchstaben ist einerseits eine Art kommentierte Überschrift über die inhaltliche Ausrichtung des Albums, auf dem Callahan die Realität zum Oberthema erklärt. Die Wirklichkeit hat sich für den Künstler verschoben und mit der Traumwelt vermischt, doch am Ende steht die Erkenntnis: Träume sind real.
Auf der anderen Seite drückt die Schreibweise Ytilaer aber auch das musikalische Selbstverständnis Callahans aus. Parameter, die als unumstößlich gelten in Folk- und Americanakontexten, verschiebt und spiegelt er wie die Buchstaben im Albumtitel und lässt auf diese Weise eine Musik entstehen, die das Genre zwar nicht komplett auf den Kopf stellt, aber mit Widerhaken ausstattet, mit Ecken und Kanten. Seine psychedelischen Folksongs erscheinen dadurch dann doch auf gewisse Weise neuartig.
© ZeitOnline, Kultur, Musik, 14.10.2022