Das Jazzlabel FMP: „Der diskrete Charme des freien Jazz“ Von Wolfgang Sandner
Totale auf eine deutsche Musikerinitiative mit internationaler Wirkung: Der Band von Markus Müller dokumentiert die Geschichte des Labels Free Music Production.
Auch Bücher können brüllen. Vor allem, wenn sie sich mit lauter Musik befassen und voluminös auftreten. Markus Müllers „Free Music Production: FMP – The Living Music“ ist vierhundert Seiten dick, großformatig und beschäftigt sich mit jenen Klängen, die nach einem unseligen Wort des Bassisten Peter Kowald die Kaputtspielphase des Jazz repräsentieren. Es ist dennoch ein leises Buch. Das liegt am unaufgeregten Sprachduktus des Herausgebers und an den vielen nahezu intimen Fotos dieses Bild- und Dokumentationsbandes über eines der bemerkenswertesten Tonträger-Labels Europas mit Nachhall bis Amerika.
Gewiss, was seit den aufgewühlten Sechzigerjahren von einer Reihe radikaler Jazzmusiker in oft nächtelangen Séancen produziert, vor allem aber dann in einem selektiven Hörprozess durch die Öffentlichkeit wahrgenommen worden ist, hatte wenig zu tun mit dem, was von Louis Armstrongs Hot Jazz bis zu Thelonious Monks Bebop – vom Swing eines Benny Goodman gar nicht erst zu reden – allgemein unter Jazzmusik verstanden wurde. Aggressiv, chaotisch, zersetzend erschien alles, was seit Don Cherrys Auftritten im New Yorker Five Spot Ende der Fünfzigerjahre und den Aufnahmen mit seinem legendären Doppelquartett wenig später als „Free Jazz“ gekennzeichnet, man könnte auch sagen: gebrandmarkt wurde.
Es ist eine beeindruckende Totale auf eine von Beginn an international wirkende Musikerinitiative mit all ihren kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten und zugleich ein gewichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte Berlins in den jeweils zwei brisanten Jahrzehnten vor und nach der Wende.

„Free Music Production“ FMP – The Living Music. Hrsg. v. Markus Müller. Wolke Verlag, Hofheim am Taunus 2022. 400 S., Abb., br., 39,– €.
FAZ, Kultur, 7.11.202