Michael Wollny Trio: „Gespenster in g-Moll“
Das neue Trio des Pianisten Michael Wollny spielt Klassiker aus Jazz und Romantik, in denen es um das Unheimliche geht – auf geniale Art. Von Thomas Lindemann.
Offenbar gibt es ein neues Genre im Jazz. Jedenfalls hat die Londoner „Times“ es gerade ausgerufen: „Gothic Jazz“, das muss man wohl mit „Horrorjazz“ übersetzen. Erfunden hat die dunkle, geheimnisvolle Jazz-Spielart allerdings ein Deutscher: der Pianist Michael Wollny. Und es ist kein Wunder, dass die „Times“ sein neues Album schon wahrgenommen hat. Zwar gibt es nicht, wie beim Tennis, eine Weltrangliste der Jazzpianisten, aber wenn es eine gäbe, wäre Wollny unter den ersten drei.
Das Album „Ghosts“ ist schon das 17. des 44-jährigen Pianisten, der als erster deutscher Künstler auf dem Titel des britischen Magazins „Jazzwise“ zu sehen war. Im internationalen Jazz gilt er als Genie und ist doch hierzulande nicht sehr bekannt. Dabei erinnert sein Komponieren stark an die deutsche Romantik: Mit jedem Song, jedem Ton. Eigentlich möchte er eine Geschichte transportieren, seine Songs tragen Titel wie „Grandmother’s Hammer“ oder „Dick Laurent is Dead“ (ein Zitat aus dem David-Lynch-Film „Lost Highway“, aber, wer weiß so etwas schon, ohne es zu googeln?). Und es passt, dass auch Wollnys neues Trio sich jetzt dem Unheimlichen widmet, eben dem Gothic Jazz. Auf dem Album „Ghosts“ erzählt jeder Song eine Schauergeschichte – ohne Worte; nur mit Bass, Schlagzeug und Piano.
FAZ, 12.11.2022