Album „I Inside The Old Year Dying“ von PJ Harvey
Auf „I Inside The Old Year Dying“ besinnt sich PJ Harvey auf ihre Heimat Dorset. Sie singt in einem schwer verständlichem Dialekt, lässt Gitarren krachen und fragt: Ist Elvis Gott? Von Andreas Hartmann.
Es wäre naheliegend gewesen, sich gerade jetzt noch einmal mit dem Krieg auseinanderzusetzen und all den Verwerfungen, die er mit sich bringt. Auf ihrem vor zwölf Jahren erschienen vorletzten Album „Let England Shake“ beschäftigte sich Polly Jean Harvey immerhin mit dem britischen Empire, das seine einstige globale Macht auf die blutige Unterwerfung anderer Nationen aufbaute.
Ein „Kriegsalbum“ nannte das britische Popmagazin NME die Platte. Und für die Aufnahmen ihres bislang letzten musikalischen Großwerks „The Hope Six Demolition Project“, das 2016 erschienen ist, besuchte Harvey unter anderem den Kosovo und Afghanistan, also von Kriegen und einfach nicht enden wollenden Konflikten gezeichnete Orte. Es waren die ganz großen politischen Themen, die die britische Musikerin und Sängerin hier in opulente und musikalisch überaus dramatische Songs übersetzte.
Mit der Suche nach Antworten darauf schlägt sich PJ Harvey nun herum, oder sollte man besser sagen: PJ Harvey als von ihr geschaffene Kunstfigur Ira-Abel, einem neunjährigen Mädchen? Diese Figur stammt aus Harveys im vergangenen Jahr erschienen zweiten Gedichtband „Orlam“ und lebt nun fort auf ihrer neuen Platte. Die Gedichte wurden verfasst im Dialekt der Grafschaft Dorset in Südwest-England, wo Harvey aufgewachsen ist.
© Tagesspiegel, Kultur, 11.7.2023