Essay: Die Dinge des Lebens – Abschied
Alle müssen sterben. Und niemand weiß, wie das geht. Aber können und sollen wir uns auf den Tod vorbereiten? Und wenn ja, wie? Von Florian Felix Weyh.
Das Sterben lässt sich nur von außen beobachten, und diesen Anblick meiden wir, weil er uns mit einer so schrecklichen Hilflosigkeit erfüllt. Trost spenden allenfalls Nahtodberichte, die besagen, dass der Vorgang für den Sterbenden weniger schlimm sei, als er dem Zuschauer erscheint. Seinen Essay verfasste der Journalist und Publizist Florian Felix Weyh ursprünglich 2006. Nach Pandemieerfahrungen ist er wieder hochaktuell.
Ich mag sie. Sie ist eine Großtante meiner Frau … nein, das trifft es nicht. Die verwirrenden Verhältnisse in modernen Patchworkfamilien haben uns Johanna zugeführt. Als ich sie kennenlernte, strahlte sie eine selbstbewusste, fast trotzige Autonomie aus. Gewiss, einmal, vor einem halben Jahrhundert, hatte sie sich elterlichem Druck gebeugt und ihren Lebensgefährten geheiratet. Sie musste ihm von Berlin in die tiefste pfälzische Provinz folgen, wo sie sich als Schuhverkäuferin im Laden des Gatten versuchte, obwohl sie eigentlich härtere Kundschaft gewohnt war, sie, die Jugendfürsorgerin aus der Großstadt. Die Ehe scheiterte rasch, und als einziges Andenken an diese Zeit blieb ihr der fremde Nachname. Johanna legte ihn zwar nie wieder ab, lebte aber fortan selbstbestimmt in Berlin, nahm Heimkinder in Pflege, was ihr nicht in jedem Fall entgolten wurde und einmal sogar gründlich schief ging. Auf dem Jugendamt muss sie in ihrer Direktheit und Unerschrockenheit eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein. Ihr ganzes Leben war Energie. Das änderte sich auch nach der Pensionierung nicht, denn zu ihren großen Leidenschaften zählt der Sport: Skifahren, Schwimmen, Bergsteigen. Bis hoch in ihre 70er hinein hat sie immer kräftig mitgetan bei den Naturfreunden. Dass sie mit ihrem Motorboot noch als weißhaarige, wilde Alte regelmäßig Strafzettel wegen Geschwindigkeits-überschreitungen kassierte, erzählt sie mit Trotz und etwas kindlichem Stolz in der Stimme. Sie ist halt schnell, immer gewesen. Sie hasst Stagnation, Stillstand, beengte Verhältnisse. Kurzum: Johanna könnte in guten Tagen Modell gestanden haben für die jüngsten Werbekampagnen der expandierenden Altersprodukte-Industrie. Eine Vorbild-Alte, wie wir Jüngeren sie uns wünschen. Wenn in den nächsten Jahrzehnten das Bild der Gesellschaft schon vom Alter geprägt sein soll, dann bitteschön in dieser agilen, niemandem einen Schreck einjagenden Form.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 17.9.2023/2006